Der Paradiesvogel

Wilde Feiern, luxuriöse Yachten, schöne Frauen: Der Unternehmer Vijay Mallya lebt wie ein Popstar und gilt als schillernde Ikone des aufstrebenden Indiens.

 

Wenn in Indien einer weiß, wie man es richtig krachen lässt, dann Vijay Mallya. Der Unternehmer hat mal wieder auf seine Luxusyacht Indian Empress geladen. Europäische Aristokraten sind gekommen, indische Industrielle, darunter auch Lakshmi Mittal, der Boss des weltgrößten Stahlkonzerns. Elektronische Musik hämmert aus den Lautsprechern, Diener servieren kühle Getränke. "VJM", wie alle hier Vijay Mallya nennen, hat Grund zu feiern. Gerade hat er White & Mackay, einen schottischen Scotchhersteller, für 1,2 Milliarden Dollar gekauft. Damit ist Mallya der drittgrößte Schnapsproduzent der Welt.

Die Luxus-Sausen und Promi-Feten mit Models und Filmstars haben Mallya zu einer Art Richard Branson der indischen Wirtschaft gemacht. Wie der britische Playboy-Unternehmer mit Fluglinie, Schallplattenfirma und Mobilfunkunternehmen hat es VJM mit Bier, Schnaps und Airline auf die Milliardärsliste von "Forbes" geschafft. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin schätzt Mallya auf rund 1,2 Milliarden Dollar. Und das soll jeder sehen: Fast immer trägt VJM Diamanten-Ohrringe, beinahe so groß wie Zuckerwürfel. Mit Jeans, rotem T-Shirt, die silbernen Haare nach hinten gekämmt und Goldkettchen um den Hals könnte man den 52-Jährigen für einen alternden Rockstar halten.

Das ist aber nur das eine Gesicht des Multiunternehmers. Mit Leidenschaft, Instinkt und wenig Schlaf hat er aus dem unübersichtlichen Mischkonzern UB Group eines der größten Firmen-Konglomerate des Landes geschaffen, das auch in Europa, den USA und dem Nahen Osten aktiv ist. Damit steht VJM auch für eine neue Unternehmergeneration, die mit dem Profit aus dem indischen Heimatmarkt ihre Wettbewerber weltweit angreifen.

Sein Kingfisher-Bier, das den indischen Markt beherrscht, wird in über 50 Länder exportiert. Schon drei Jahre nach dem Start ist sein jüngstes unternehmerisches Engagement Kingfisher Airlines die zweitgrößte private Fluggesellschaft des Landes. Und seit wenigen Wochen fliegen seine Jets vom südindischen Bangalore nach London, und bald sollen sie auch in Richtung USA, Dubai und Deutschland abheben. Kingfisher wird zu einer globalen Marke.

Und deren Kern ist das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Kingfisher steht für die Sehnsucht der aufstrebenden indischen Mittelschicht nach Luxus und Freiheit, und VJM lebt es höchstselbst vor. Für einen Werbeclip des Kingfisher-Bademodenkalenders stieg er in den blubbernden Whirlpool seiner Luxusyacht Indian Empress. Mit Kingfisher-Muskelshirt, Kingfisher-Bier in der Hand und Kingfisher-Baseballkappe auf dem Kopf moderierte er die ersten Minuten des Clips. Seine Fans lieben ihn dafür - und er sich selbst am meisten. Obwohl verheiratet und Vater von drei Kindern, ist VJM nie richtig erwachsen geworden. Das ist vielleicht der wichtigste Grund für seinen Erfolg.

Die Idee für eine Lifestyle-Marke kommt Mallya in den Siebzigerjahren. Er hat gerade die Schule abgeschlossen, und Indira Gandhi regiert Indien mit eiserner Hand. Der junge Mallya erledigt kleine Projekte in dem Mischkonzern UB Group, dessen Mehrheit sein Vater kurz nach der indischen Unabhängigkeit übernommen hatte.

Im Portfolio des Unternehmens findet er die alte Biermarke Kingfisher. Er ist elektrisiert von dem bunten Eisvogel im Logo, der für ihn "Aufbruch, Vitalität und etwas Aufmüpfiges" symbolisiert, die Anti-These zur damals herrschenden Planwirtschaft. Der bunte Vogel symbolisiert aber auch die Rebellion Vijays gegen seinen strengen Vater, der öffentliche Auftritte mied und seinem Sohn nicht einmal ein Auto kaufte. Mallya musste zu Uni-Zeiten Fahrrad fahren und das hasste er. Nach langen Diskussionen kann Vijay seinen Vater überreden, Kingfisher neu zu beleben.

Indien ist eine junge Gesellschaft, etwa jeder Zweite hat seinen 25. Geburtstag noch vor sich. VJM ist sich sicher, dass vor allem die rund drei Millionen Studenten, die jedes Jahr ihr Studium abschließen, ein Leben führen wollen wie ihre Kommilitonen im Westen. Er will derjenige sein, der ihre Wünsche zu einer Marke verdichtet.

Dazu hat er schon bald freie Hand. 1983 stirbt sein Vater und er übernimmt mit nur 28 Jahren den Mischkonzern. Nun muss er zeigen, dass er nicht nur Geld ausgeben, sondern auch verdienen kann. Und er zeigt es: 100 Millionen Dollar Umsatz machte der Konzern, als Mallya ihn übernahm, rund vier Milliarden Dollar waren es im abgelaufenen Geschäftsjahr.

Ohne sein Gespür für Marketing hätte VJM das nicht geschafft. Es sei beeindruckend, wie detailliert Mallya "über Werbekampagnen der einzelnen Sparten Bescheid weiß", sagt Roy Cherian, einst Marken-Manager bei Kingfisher, "Mallya ist ein Marketing-Genie". Er trifft den Geschmack der indischen Mittelschicht und bedient ihn auf allen Kanälen.

Mallya veranstaltet Salsa-Partys, sponsert Cricket-Turniere und finanziert das Formel-1-Team Force India. Für eine Jubiläumsparty fliegt Kingfisher Airlines die Latino-Schönheit Jennifer Lopez nach Mumbai. Über die Kingfisher-Partys wiederum berichtet der Lifestyle-Fernsehkanal "NDTV Good Times", den Mallya mit einem der größten indischen TV-Gruppen vor einigen Monaten startete. Im roten Logo des Senders: Mallyas Eisvogel.

Von früh bis spät tauschen sich auf dem neuen Kanal junge Menschen über Partys, den richtigen Weg zum Waschbrettbauch, Sexabenteuer, Luxushotels und indische Hochzeiten aus. Das ist neu in Indien. Ein anderes, offeneres leichteres Leben ist möglich, das ist die Botschaft.

Kingfisher-Passagiere spüren Mallyas Botschaft schon am Terminal. Nach einer quälenden Tour zum Flughafen Mumbai, vorbei an Slums und bettelnden Kindern, erwartet sie ein Service wie im Fünf-Sterne-Hotel. Mallyas Leute helfen den Passagieren aus dem Auto, verladen ihr Gepäck und begleiten sie bis zum roten Teppich vor dem Check-in-Schalter. Mehrfach wurde Kingfisher als beste Fluglinie gekürt.

Darauf ist er stolz. Über die Hälfte seiner Zeit beschäftige er sich mit der Airline, sagt Mallya, die anderen Unternehmensbereiche laufen "auf Autopilot". Und deswegen ist alles an Bord von ihm persönlich ausgewählt: die Musik, das Essen - und die Flugbegleiterinnen.

Mallyas Stewardessen müssen die schönsten der ganzen Welt sein. Narben, Tattoos oder Übergewicht sind für die "fliegenden Models", wie er seine Stewardessen nennt, tabu. Wenn immer es geht, ist er bei den Flying-Model-Castings deshalb dabei.

Die attraktivsten Flugbegleiterinnen stehen VJM persönlich zu Diensten. Besucher, die er zum Mittagessen in sein Zehn-Zimmer-Apartment in Mumbai eingeladen hat, werden beim Blick auf das Arabische Meer immer wieder von den Serviererinnen im Stewardess-Kostüm abgelenkt.

Mallya ist ein Playboy, doch so großzügig er seine Gäste empfängt, so kontrolliert führt er sein Geschäft. Wenn er über sein Unternehmen spricht, ist er hoch konzentriert. Er fixiert seinen Gesprächspartner mit seinen dunklen Augen, hört aufmerksam zu und pariert Angriffe mit Zahlen und Studienergebnissen.

In Sekunden kann Mallya vom charmanten Frauenheld zum knallharten Konzernchef umschalten. Pedantisch lässt er sich über Verspätungen seiner Flotte informieren. Wenn sein Firmenjet nach einer Europa-Reise um zwei Uhr morgens in Bangalore landet, ist es für ihn normal, sein Team zur Lagebesprechung einzuberufen. Mallya kann nicht nur ohne Unterbrechung feiern, er kann auch ohne Unterbrechung arbeiten. Und das erwartet er auch von seinen engen Mitarbeitern.

Der Workoholic ist ein Verwandlungskünstler. "Charmant und scharfsinnig", sei er in Gesprächen, sagt GR Gopinath, Gründer der indischen Billigfluggesellschaft Air Deccan, die Mallya im vergangenen Jahr kaufte. "Mallya führt die Gruppe mit klarem Verstand und sicherem Gespür", sagt Nikhil Vora von der Investmentgesellschaft SSKI Securities in Mumbai, und das, obwohl Kingfisher Airlines immer noch hohe Verluste einfliegt. "Mallya weiß, wie man Lifestyle-Produkte zum Erfolg bringt."

Richtig ernst genommen wird VJM in der indischen Unternehmerwelt erst seit der Gründung von Kingfisher Airlines. Schon nach wenigen Monaten wächst die Fluglinie schneller als alle ihre Konkurrenten. Nach drei Jahren hat VJM die Gesellschaft als Premium-Anbieter positioniert mit 86 Maschinen auf 424 Inlandsflügen, mit zwei internationalen Verbindungen.

Sein Ziel ist klar: Er will der Stärkste sein, ein Vorbild, eine Ikone. Manchmal will er das ein bisschen zu sehr. So gab es immer wieder Irritationen um seinen Ehrendoktortitel. Laut seiner Biografie für das indische Oberhaus, für das er 2002 erstmals gewählt wurde, ist der Doktortitel von der Southern California University, Irvine. Doch diese Universität gibt es nicht. Recherchen ergeben, dass sein Titel von der California Southern University ist, einer Fernuni aus Santa Ana, etwas südlich von Irvine. Unklar ist, wieso eine Fernuni Ehrentitel vergibt. Doch weder Mallya noch das Unternehmen kommentieren Mallyas akademische Vita.

Wie auch immer. Die indische Nachrichtenpostille "India Today" zählt Dr. Mallya zu den mächtigsten Menschen des Landes. Und wenn er wieder Mal zum Richard Branson Indiens erklärt wird, nimmt VJM das gelangweilt zur Kenntnis. Dann merkt man, dass er eigentlich Branson für den Vijay Mallya Großbritanniens hält. Mallya ist das Original.

Mit seinem Vermögen hat er die größte Spielzeugsammlung Indiens angehäuft. Er besitzt eine Rennpferdzucht, einen Cricket Club und etwa 250 Oldtimer. Seine Luxusyacht ist die fünftgrößte der Welt, dazu hat er noch die etwas ältere Kalizma, mit der einst Richard Burton und Liz Taylor in See stachen. Mit seinem Airbus A 319 - cremefarbene Ledersessel, Diamantverzierungen an der Decke, Bar, antike Möblierung - lässt er sich zwischen seinen 40 Anwesen in mehr als zehn Ländern herumfliegen. Er besitzt eine Villa in den USA, wohin er seine Frau mit seinen beiden Töchtern ausgelagert hat, Schlösser in Schottland und Monte Carlo, Wohnungen in allen großen indischen Städten und ein luxuriöses Haus in Goa, wo jedes Jahr die berüchtigte Silvesterparty steigt.

Doch trotz seiner Playboy-Allüren ist Mallya tief gläubig. Er verhandelt nicht während Rahukalam, den Stunden am Tag, die laut Hindu-Glauben Unglück bringen. Jedes neue Kingfisher-Flugzeug lässt er im südindischen Tempelkomplex Tirupati von einem Priester segnen. Und für ihn ist klar: Als er vor fünf Jahren mit einem Hubschrauber abstürzte und unverletzt überlebte, war das "eine Nachricht aus dem Himmel", sagt er. Doch der Himmel grollt seit einigen Monaten.

Berichte vom Krach in Mallyas Formel-1-Team Force India machen die Runde. Die dänische Carlsberg- und die amerikanische Anheuser-Busch-Gruppe sind seit Kurzem auf dem indischen Biermarkt aktiv und greifen Kingfisher an. Und immer noch fliegt seine Airline jeden Tag hohe Verluste ein. Erst vor wenigen Wochen musste Mallya eine weit reichende strategische Allianz mit dem Rivalen Jet Airways bekanntgeben. In wenigen Monaten war das Wachstum der indischen Luftfahrtindustrie von 30 auf unter zehn Prozent ein- und der Höhenflug des Aktienkurses von Mallyas UB Group abgebrochen.

Für einen wie VJM kein Grund, aufzugeben. Er hat noch einiges vor im Leben. Der große Traum des Hobby-Piloten ist es, selbst einmal den Großraumflieger A 380 zu steuern. Doch der wird erst im Jahr 2011 nach Indien geliefert. Danach könne er sich vorstellen, seinem Sohn Siddarth, der gerade in London studiert, das Ruder zu übergeben, sagt Mallya. Vermutlich, um es dann noch einmal richtig krachen zu lassen.