Sag mir, wo du bist
Jetzt passt das große Internet in das kleine Mobiltelefon.Als Nächstes planen Google & Co., ihre Kunden auf Schritt und Tritt zu verfolgen, um deren Wünsche und Wege noch besser vorhersagen zu können.Weshalb sollte man das wollen?
Stellen Sie sich vor, Sie würden einem Fremden Ihren kompletten Alltag verraten. Sie würden ihm nicht nur sagen, wo Sie wohnen und wann Sie zur Arbeit fahren. Sie würden ihm auch anvertrauen, wo
Sie einkaufen, wie lange Sie mit dem Hund durch den Park spazieren, wann Sie abends unterwegs waren - und wo. Undenkbar? Nein, längst Realität.
Das New Yorker Startup Sense Networks sammelt und analysiert die Positionsdaten von Millionen Handynutzern in den USA. Menschen werden auf kleine Punkte reduziert, die sich durch die Schluchten
amerikanischer Großstädte bewegen. Die Bewegungsprofile der Mobilfunkanbieter mischt das Unternehmen mit zahlreichen anderen Daten, unter anderem mit sozioökonomischen Informationen. So weiß Sense,
wo Studenten abends feiern, wo Arbeitslose den Tag verbringen, ja sogar - wann Manager morgens Richtung Wall Street aufbrechen.
Ähnlich wie Google im Internet mit der Analyse des Surf-Verhaltens Milliarden von Internet-Seiten nach Relevanz ordnet, zeichnet Sense "eine Landkarte der Realität", sagt Stephen Baker, der in seinem
Bestseller "Die Numerati" die eifrigen Datensammler porträtiert. "Jedes Café, jeder Buchladen und jede Kirche wird zu einer Art Internet-Seite der wirklichen Welt", sagt er. Wer ein Restaurant
besucht, zeigt: Dieser Ort ist relevant für Menschen, die ähnlich sind wie ich. Die bekommen dann Empfehlungen, zum Beispiel über das Handyprogramm Citysense, das gerade in San Francisco getestet
wird. Damit können Kunden per Mobiltelefon verfolgen, welche Kinos, Bars und Restaurants gerade gut besucht sind und in welchem Club Menschen mit ähnlichen Interessen nach dem Essen tanzen
gehen.
Der Boom des mobilen Internets kommt Startups wie Sense Networks und Giganten wie Google oder Nokia wie gerufen. Sie versuchen, den Umgang mit dem Mobiltelefon neu zu denken: Je mehr sie über die
Nutzer wissen, desto passgenauere Dienste können sie servieren: bessere Suchmaschinen, die den Aufenthaltsort und die Interessen des Nutzers kennen, Landkarten, die Alarm schlagen, wenn die digitalen
Nomaden andere Wege nehmen als kartografiert. Oder Stadtpläne, die zeigen, wo sich die Freunde gerade aufhalten.
Wie weit das am Ende gehen wird, weiß niemand. Nicht einmal die Chefvisionäre der Konzerne. Sicher ist nur: Im Mobiltelefon werden Realität und Internet erstmals miteinander verwoben. Die Apologeten
des Internets zum Mitnehmen glauben, dass das mobile Web eine ähnliche Wirkung auf das Leben der Menschen haben wird, wie einst das Handy. Der Alltag soll leichter und praktischer zu bewältigen sein,
lautet das Versprechen. Zugleich kann die Werbeindustrie Kunden gezielter ansprechen. Doch längst nicht jedem sind diese Phänomene geheuer. Datenschutz-Fragen sind ungeklärt. Und Psychologen warnen
sogar, dass das neue Überall-Internet unser Denken verändern wird.
Neue Technik wird zunächst oft überschätzt. Jahre später dann, wenn sie vor ihrem Durchbruch steht, wird ihr Einfluss unterschätzt. Hype-Zyklen nennen Experten dieses Phänomen. Einen solchen Zyklus
hat auch das mobile Internet durchlaufen. Während der Versteigerung der UMTS-Lizenzen überboten sich Visionäre mit Prognosen, das Handy werde schon bald zu einer Art digitalem Butler mutieren. Alle
machten Jagd auf die Killer-Applikation, die ultimative, weil geldbringende Anwendung. Doch Mobiltelefone blieben graue Kästen, mit denen Kunden allenfalls Kurznachrichten verschickten. Für das
mobile Surfen interessierte sich kaum jemand.
Nun ist der Knoten geplatzt. Um 16 Prozent werde der Umsatz mit mobilen Datendiensten in diesem Jahr weltweit zulegen, auf 124 Milliarden Euro. Das erwartet der Branchenverband Bitkom. Laut einer
Umfrage des Bundesverbands Digitale Wirtschaft nutzt bereits jeder Dritte das mobile Internet. Parallel dazu leitete die Telekom-Tochter T-Mobile im vergangenen Jahr dreimal mehr Daten durch ihre
europäischen Netze als 2007. Yahoo-Manager berichten von 100 Prozent Wachstum der Zugriffe auf das gerade aufgehübschte Mobilportal gegenüber dem Vorjahr. Bei Google hat sich die Zahl der Anfragen
von unterwegs seit 2007 sogar verfünffacht. Und schon bald könnte der Ansturm sogar die Handynetze überlasten (siehe Seite 76).
Der Erfolg ist schnell erklärt: Die Preise mobiler Internet-Anschlüsse haben sich in einem Jahr halbiert. Mit Multimedia-Han-dys wie Apples iPhone, dem Google-Handy G1 oder dem Blackberry Storm lässt
sich das Internet unterwegs nun leidlich komfortabel nutzen: Die Displays sind groß genug, um Texte, Fotos und Videos anzusehen. Und mit dem Finger können die mobilen Surfer auf
berührungsempfindlichen Displays kommod durchs Netz navigieren.
Was aber das Leben der Netzgemeinde am meisten verändern soll, ist viel kleiner als Display und Akku: Es ist ein fingernagelgroßer Chip, der anhand von Satellitendaten den Standort des Telefons auf
wenige Meter genau berechnen kann. Rund zwölf Prozent der Handys und fast alle in Europa neu verkauften Smartphones werden inzwischen mit einem GPS-Chip für Satellitennavigation ausgestattet, haben
Analysten der schwedischen Beratungsfirma Berg Insight ausgerechnet. Millionen Menschen laufen durch die Metropolen, deren Handy nicht nur weiß, wo sie sind. Es kann diese Informationen auch ins
Internet stellen und sie mit Online-Datenbanken verknüpfen.
Die Kartografie des Lokalen erleichtert zunächst die Suche. Wer über sein Handy bei Google nach einem Fahrradladen sucht, bekommt Geschäfte in der Umgebung angezeigt. Das Internet auf dem Handy ist
keine Parallelwelt mehr ohne Entfernungen. Im Gegenteil: Der Fahrradladen in München mag toll sein - er ist irrelevant, wenn der Suchende am Hamburger Hafen steht. Es zählt, was in der Nähe ist.
Location Based Service werden diese Angebote genannt. Und die verändern "fast alle Internet-Dienste, die wir heute kennen", glaubt Jan Chipchase, der als Trendforscher für Nokia durch die Welt
reist.
Jeder will dabei sein. Immobilien- portale entwickeln Handyprogramme, die Wohnungssuchenden freie Apartments in der Straße anzeigen, in der sie gerade unterwegs sind. Die Hotelsuchmaschine HRS hat
vor wenigen Tagen ein Blackberry-Programm herausgebracht, das seinem Besitzer freie Hotelzimmer in Laufnähe empfiehlt. Und die iPhone-Applikation Clever Tanken zeigt längst, wo das Benzin am
billigsten ist.
Ein grauer Plattenbau in Berlin-Mitte. Hier arbeiten die drei Gründer Tobias Bräuer, Martin Scheerer und Benjamin Thym an Barcoo, einem Programm, mit dem Telefone Strichcodes auf Produkten lesen
können. Über die Handy-Kamera erkennt Barcoo das Produkt und sucht Informationen dazu im Internet zusammen. Es zeigt zum Beispiel, wie viel Fett und Kalorien in Cornflakes, Käse und Fruchtgummis
sind. Scannt man den Code eines Buches, liefert Barcoo Rezensionen und Meinungen anderer Kunden oder den passenden Wikipedia-Eintrag. Bald soll Barcoo noch auflisten, wo Cornflakes, CDs oder
DVD-Player im Umkreis von einigen Hundert Metern noch billiger zu haben sind.
Barcoo ist nur eines von Tausenden Programmen, mit denen Menschen ihre Handys so individuell einrichten können wie ihr Wohnzimmer. Diese Bewegung wird vor allem von kleinen Startups und einzelnen
Programmierern angetrieben, die immer neue Mini-Programme herausbringen: Autorennen, virtuelle Fitnesstrainer und Reiseplaner - selbst eine Navigationssoftware für Bergsteiger oder Fluglotsen können
iPhone-Nutzer bereits auf ihr Gerät laden.
Die Selbstverwirklichung auf dem Mobiltelefon kennt keine Grenzen und wird bei manchen zu einem regelrechten Wahn: Knapp ein Sechstel der amerikanischen Smartphone-Besitzer hat 2008 mehr als 100
Dollar für solche Programme ausgegeben, berichtet der US-Marktforscher ABI Research. Dabei kosten die Mini-Tools oft nur so viel wie eine Zeitung. Inzwischen setzt Apple am Tag rund eine Million
Dollar mit solchen Programmen in seinem Online-Softwareladen App Store um.
Das Geschäft will sich niemand mehr entgehen lassen. Gerade ist Blackberry-Hersteller Research in Motion mit einem Software-Shop in den USA gestartet, und bald will auch Nokia mit seinem Ovi-Shop
loslegen.
Das mobile Internet ist ein neues Massenmedium, das laut Google-Chef Eric Schmidt ein größeres Geschäft werde, als das PC-Internet es je war. Studien von Berg Insight zeigen, dass das "Internet to
Go" in Europa nicht anstelle des stationären Netzes genutzt wird, sondern zusätzlich, in neuen Situationen: abends im Bett, auf dem Balkon oder in der Straßenbahn.
Immer beliebter wird es, sich von seinem Handy durch die Stadt führen zu lassen. Schon heute nutzen Navigationsspezialisten wie Tom Tom die Positionsdaten von Handynutzern, um ihre Kunden im Auto um
Staus herumzuführen. Sammeln sich auf einer Autobahn besonders viele Handynutzer, weiß Tom Tom: Hier knubbelt es sich gerade. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis solche Dienste auch auf
Mobiltelefonen zum Standard werden.
Navigation spielt im mobilen Internet "eine zentrale Rolle", sagt Axel Freyberg, Telekommunikationsexperte von der Beratungsfirma A.T. Kearney. Damit meint er weit mehr, als den Dienst von Tom Tom.
Das Telefon werde zu einer Art "Navigationshilfe durch den Alltag", sagt Freyberg.
Dahinter steckt der Trend, dass das Mobiltelefon die für seinen Besitzer wichtigen Informationen zunehmend ungefragt ausliefert. Schon heute werden Autofahrer während der Fahrt per
GPS-Positionsbestimmung von der Handysoftware Trapster vor Radarfallen gewarnt, Bahnkunden können sich von iNap wecken lassen, wenn sie sich ihrer Haltestelle nähern, und das Programm Remember The
Milk erinnert die digitalen Nomaden daran, Milch zu kaufen, sobald sie an einem Supermarkt vorbeikommen.
Die Mobil-Visionäre sind gedanklich noch einen Schritt weiter: Bald soll das Licht im Haus angehen, wenn sich der Hausherr der Einfahrt nähert. Und die Haustür der Zukunft verschickt eine
Kurznachricht an den Hausbesitzer, wenn sie in seiner Abwesenheit geöffnet wird.
Dieses Instrumentarium wird auch von der Werbewirtschaft beäugt. Berater Freyberg berichtet, dass Agenturen zunehmend Spezialisten für Handywerbung einstellen. Die werden seiner Einschätzung nach den
Nutzern schon bald interaktive Werbung auf die Telefone schicken. Nutzer würden etwa in der Fußgängerzone mit elektronischen Gutscheinen versorgt, wie einst mit Zetteln, die ihnen Hostessen in die
Hand drückten.
Das mobile Internet mit seinen ortsbasierten Angeboten ist vor allem ein Informationsfilter. Der funktioniert umso besser, je lückenloser die Kunden ihr Verhalten überwachen lassen. Und die nächste
Filterstufe gilt schon als ausgemacht: "Bald werden ortsbasierte Dienste mit sozialen Informationen verknüpft", sagt Michael Halbherr, Manager der Web-Sparte von Nokia.
Das ist genauso beunruhigend, wie es klingt: Künftig werden Nutzern bei der Suche nach einem Restaurant nicht nur Orte empfohlen, die gerade in der Nähe sind. Sie werden zudem danach sortiert, ob
dort Menschen verkehren, die ähnliche Interessen haben, wie der Suchende. Dabei "ist der Grat zwischen nützlicher Information und lästiger Werbung sehr schmal", sagt selbst Rainer Kruschwitz, der in
Berlin an Wefind arbeitet, einer Suchmaschine, die genau das einmal können soll.
Manche glauben sogar, dass demnächst jeder wissen wird, wo genau sich seine Freunde gerade aufhalten. Einen ersten Versuch hat Google mit seinem Dienst Latitude jüngste gestartet. Einmal angemeldet
können die Mitglieder auf dem Handy verfolgen, wo sich ihre Freunde befinden. Zahlen liefert Google nicht, Insider berichten aber, das Interesse am Service sei bislang eher mau. Außer für
eifersüchtige Lebenspartner bietet das Programm tatsächlich wenig Nutzen. "Solche Dienste werden sich vor allem bei den Menschen durchsetzen, die mit dem Internet aufgewachsen sind", glaubt Nikolaus
Mohr, Telekommunikationsexperte der Beratungsfirma Accenture.
Diese digitalen Eingeborenen nutzen selbst Dienste wie Aka-Aki. Damit können sie ihresgleichen in der Nähe aufspüren, weil ihr Handy über die Funkschnittstelle Bluetooth andere Nutzer ausfindig
macht. Das Startup hat deutschlandweit rund 170 000 Mitglieder, 100 000 haben sich allein seit Februar angemeldet. Aka-Aki bietet aber auch professionelle Einsatzmöglichkeiten: So können sich
Investoren und Gründer auf Messen finden. Abends können sie wiederum sehen, wen sie tagsüber getroffen haben. Das erspart zum Beispiel das Abtippen von Visitenkarten.
Auf dem Handy wächst das Internet mit der Realität zusammen. Und es gibt keinen besseren Beleg dafür als das, was sich hinter dem sperrigen Begriff "Augmented Reality" verbirgt. Mit der neuen Technik
erweitert das Telefon sozusagen die Realität. Ein Beispiel ist das Programm Wikitude, ein mobiler Reiseführer. Während Nutzer ihr Handy auf eine Kirche oder ein Schloss richten, zeigt Wikitude neben
dem Bild auf dem Display die passenden Wikipedia-Einträge an. Das Programm ermittelt dafür den Standort des Nutzers sowie dessen Blickrichtung und sucht dazu das passende Material aus dem Internet
heraus.
Mit jeder dieser Innovationen wird aber auch deutlicher: Wir steuern auf neue und ungeklärte Datenschutz-Fragen zu. Die meisten Dienste können nur funktionieren, wenn massenhaft Menschen teilnehmen.
Und selbst wenn nicht, lassen sich viele Angebote im mobilen Web den Aufenthalts- ort ihrer Nutzer übermitteln - oft ungefragt. Der Aufwand für die Nutzer, Anbieter dazu zu bringen, die Daten wieder
zu löschen, wird immens werden. Keine Kontrollinstanz überwacht, was mit den Informationen im Internet passiert, und es gibt keinerlei vorgeschriebene Sicherheitsstandards. "Nichts ist im Internet
kostenlos", sagt Falk Lüke, Datenschutzexperte bei der Verbraucherzentrale Bundesverband. "Heute bezahlen die Nutzer viele Dienste mit höchst privaten Daten."
Selbst wenn die Daten sicher wären - die meisten Menschen sind Anfänger in dem neuen Medium. Sie denken nicht darüber nach, dass ein paar Zeilen über eine Reise auf dem Kurznachrichtendienst Twitter
aller Welt mitteilen, dass ihr Haus gerade verwaist ist. Gefährlich sind auch die versteckten Informationen: Wer Fotos über sein iPhone ins Internet lädt, verrät ebenfalls seinen Aufenthaltsort, weil
das Telefon oft Geodaten in den Fotos verbirgt (siehe auch Seite 116).
Und bevor man sich an den Gedanken gewöhnen kann, dass eine wachsende Zahl von Menschen bereit ist, ihren Alltag von Maschinen überwachen zu lassen, träumen die Experten schon davon, Handys mit noch
mehr Sensoren auszustatten. In den Nokia-Labors experimentieren die Forscher zum Beispiel mit Bewegungssensoren, mit denen Handynutzer ihre Geschwindigkeit beim Joggen messen können. Selbst die
Körpertemperatur kann für die Datensammler von Interesse sein. Damit ließe sich jederzeit verfolgen, ob sich etwa der Gesundheitszustand der Großeltern gerade verschlechtert. Mit solchen Sensoren
ließen sich aber ebenso Grippeepidemien vorhersagen, glauben die Visionäre.
Wie das Internet künftig auf dem Handy genutzt wird, studieren die Experten nicht nur im Labor. Nokia-Forscher Chipchase reist dafür nach Indien und Afrika. In vielen ärmeren Ländern wählen sich mehr
Menschen über ihr Handy ins Internet, denn Computer sind Mangelware. "Von ihnen", sagt Chipchase, "können wir lernen, wie das Internet mobil genutzt wird und wie neue Dienste aussehen müssen."
Vielleicht ist das ja die eigentliche Revolution. Erstmals in der jüngeren Geschichte führen uns Menschen aus Mumbai und Mombasa vor, wie man eine Zukunftstechnik nutzt.
