Generation Zukunft

Die wachsende Mittelschicht ist das Gesicht des indischen Aufschwungs.Hervorragend ausgebildet, leistungsbereit und konsumfreudig befreien sich die jungen Aufsteiger vom Ballast der Vergangenheit. Doch woran glauben sie? Wovon träumen sie? Was treibt sie an?

 

Wenn Ramya Chandrasekaran doch endlich einen Mann finden würde. Wenn sie ein Haus kaufen und ein paar Kinder kriegen würde - dann könnte ihre Mutter endlich ruhig schlafen. Aber Ramya denkt gar nicht daran. Stattdessen stößt sie in einem spanischen Restaurant in Kuala Lumpur gerade mit einem Champagner-Cocktail auf ihren 30. Geburtstag an.

Für ihre Mutter ist das ein schwarzer Tag. Denn Ramya ist nun auf dem indischen Heiratsmarkt nicht mehr vermittelbar. Dabei hat ihre Mutter alles versucht. Einmal hat sie ihre Tochter sogar bei einer Internet-Heiratsbörse angemeldet.

Doch Ramya will jetzt nicht heiraten. Sie investiert ihre Kraft in ihre Karriere und das verdiente Geld in Einkaufstrips, Friseurbesuche und Partys. Sie leitet die Kommunikationsabteilung eines asiatischen Konsumgüterkonzerns und pendelt dafür zwischen Malaysia, Chennai und Bangalore. Und ja, sie hat einen Freund, und es ist auch nicht ihr erster. Aber ob sie ihn heiraten will, das weiß sie noch nicht.

Es sind Menschen wie Ramya, die Indien verändern. Sie sind exzellent ausgebildet, haben Freunde auf der ganzen Welt und nutzen die Chancen, die ihnen ihr eigenes Land bietet. Wie keine Generation vor ihnen befreien sich die jungen Angehörigen der Mittelschicht von gesellschaftlichen Zwängen. Sie machen Traumkarrieren, geben ihr Geld in teuren Modeboutiquen aus und haben Sex vor der Ehe. Das Kastensystem? Von gestern. Sie wollen, dass Indien eine erfolgreiche Nation wird.

Die junge Elite verdoppelt ihr Einkommen alle paar Jahre und hat schon früh einen Lebensstandard, von dem ihre Eltern nicht einmal zu träumen wagten. Sie sind die Stütze des indischen Wirtschaftswunders, schon allein wegen der schieren Masse an Menschen und dem hohen Tempo, mit dem sie für den Aufstieg arbeiten.

Mitte der Achtzigerjahre war fast jeder Inder arm. Rund 90 Prozent der Haushalte verfügten über weniger als 5,40 Dollar am Tag - heute hat bereits jeder Zweite mehr. Zählt man zur indischen Mittelklasse Haushalte mit einem jährlichen Einkommen zwischen 4400 und 22 000 Dollar, gehören rund 100 Millionen Menschen dazu, und jedes Jahr werden es viele Millionen mehr: Im Jahr 2025 soll die Mittelschicht laut der Unternehmensberatung McKinsey knapp 600 Millionen Menschen stark sein.

Viele dieser jungen Aufsteiger kommen aus kleinen Dörfern in die Metropolen, um dort beim Aufschwung dabei zu sein. Vor acht Jahren zog Nirmala Thapliyal nach Neu-Delhi. Sie hatte Wirtschaft studiert und fand schon nach wenigen Monaten einen Job. Nun ist sie 32 Jahre alt und wenn sie an früher denkt, ist sie selbst erstaunt, wie sehr sich ihr Leben verändert hat. Sie wuchs in einem Vorort von Jaipur auf, der Hauptstadt des Wüstenstaates Rajasthan. Ihre Familie lebte in einer Hütte mit zwei kleinen Zimmern, von denen sich Nirmala eines mit ihren vier Geschwistern teilte. Ihr Vater war Angestellter im öffentlichen Dienst und ernährte die siebenköpfige Familie von den rund 120 Euro, die er im Monat verdiente. Es fehlte an allem, häufig konnten die Eltern nicht einmal das Schulgeld aufbringen.

Das Schulgeld für ihre sechsjährige Tochter kann Nirmala bezahlen und noch einiges mehr. Zusammen mit ihrem Mann verdient sie etwa 480 Euro im Monat. Das junge Paar besitzt ein Motorrad, einen Fernseher, einen Kühlschrank, und gerade haben sie eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung in Delhi gekauft. Die beiden Leben den Traum von Millionen Indern.

Ihren Lebensstandard verdanken sie den hohen Löhnen in Europa. Nirmala arbeitet bei Pan Business Lists, einem IT-Dienstleister, der deutschen Unternehmen Schreibarbeit abnimmt. Sie scannen Formulare, Rechnungen und Antwortschreiben. Die Inder werten sie aus und pflegen sie in Datenbanken ein. Business Process Outsourcing nennen das Experten. Nirmala sorgt dafür, dass die Daten reibungslos nach Europa zurückgeschickt werden. Die Geschäfte laufen gut: In vier Jahren ist Pan Business Lists von 45 auf 250 Mitarbeiter angewachsen.

Zu Tausenden sind in den vergangenen Jahren Unternehmen wie Pan Business Lists entstanden. Sie ermöglichen Hunderttausenden den Aufstieg in die Mittelklasse und sie sind eine Art Sprungbrett in die höher qualifizierten Jobs der indischen Dienstleistungswelt. Von dort aus werden die Mitarbeiter oft von Softwarefirmen oder Telekommunikationskonzernen abgeworben - in den Metropolen Mumbai, Bangalore oder Hyderabad.

Oder in Gurgaon, einer Satellitenstadt vor den Toren Delhis. Wer wissen will, von welchem Leben die jungen Inder träumen, muss Alam Srinivas besuchen. Der Autor mehrerer Wirtschafts-Bestseller wohnt in einem von Gurgaons neuen Apartmentvierteln. Und den Aufstieg der Mittelklasse sieht Srinivas schon beim Frühstück: Aus dem Balkonfenster seines Drei-Zimmer-Apartments im 16. Stockwerk blickt er auf eine gigantische Baustelle. Zwischen den Glastürmen großer Callcenter-Betreiber und den Niederlassungen von Siemens, Alcatel und Microsoft errichten Bauarbeiter in brütender Hitze immer neue Shopping-Malls und Bürogebäude. Dutzende stehen bereits entlang der achtspurigen Autobahn Richtung Delhi. Gurgaon ist eine Drehscheibe für die florierende Dienstleistungsindustrie geworden und damit Schauplatz des Aufstiegs der Mittelschicht. Vor 30 Jahren war Gurgaon noch ein abgelegenes Bauerndorf, nun fräsen die Bauarbeiter eine Metro in Richtung Delhi in den Wüstensand.

Was früher Jahrzehnte dauerte, "geschieht heute in wenigen Jahren", sagt Srinivas. Berufseinsteiger kaufen ihr erstes Auto mit 25, haben mit 28 schon den vierten Job und vor dem 30. Geburtstag ihr Haus abgezahlt. Als neuen Kern der Mittelklasse sieht Srinivas die schnell wachsende Gruppe der Neureichen, die inzwischen die alte Mittelklasse überholt haben - die Bürokraten, Beamten und Unternehmer, die vor allem aus höheren Kasten kamen und am liebsten unter sich blieben.

Diese Neo-Mittelklasse prägt das Bild der Metropolen. Wer dazugehört, hat die modernsten Handys, trägt teure Markenklamotten, besitzt Gucci-Sonnenbrillen und fährt fabrikneue Autos. Diese neue Klasse übt eine ungeheure Anziehungskraft aus auf die Armen, die von einem besseren Leben träumen, auf die Studenten, die sich diesem Ziel schon nahe fühlen und auf die ausgewanderten Inder, die nun zurückkommen, weil sie sehen, dass ein besseres Leben in Indien möglich ist. Vor allem aber ist die Neo-Mittelklasse die am schnellsten wachsende Konsumentengruppe Indiens.

Goldene Zeiten für Händler aller Art. Die Handelsumsätze liegen laut der Beratungsgesellschaft A.T. Kearney bei derzeit 320 Milliarden Dollar und sie werden jährlich um zehn Prozent wachsen. Bis 2025 wird der indische Konsumentenmarkt nach Schätzungen der Unternehmensberatung McKinsey sogar den der USA überholen. Insbesondere der Handel mit Luxusprodukten übertrifft alle Erwartungen: Der Absatz von Luxusuhren und Juwelen wächst im Jahr um 40 Prozent.

Bis vor wenigen Jahren kauften die indischen Konsumenten ausschließlich bei kleinen Läden in der Nachbarschaft. Nun öffnen überall Supermärkte und Einkaufszentren, mit Marken-Shops, Restaurants, Kinos und Nachtclubs. Die Welt der Neo-Mittelklasse ist umrahmt von Glas, Stahl und Beton, von moderner Erlebnis-Shopping-Architektur.

Das ist die Welt von Jyoti Patel. Sie ist eine typische Vertreterin der neuen Shopping Generation. An Wochenenden trifft sie sich mit Freundinnen in einer der neuen Malls in Süd-Delhi, in Saket zum Beispiel. Die 27-Jährige arbeitet für eine PR-Agentur, verdient rund 25 000 Dollar im Jahr und gibt all ihr Geld für Hobbys aus: Sie besitzt über ein Dutzend Uhren, Tag Heuer oder Pierre Cardin, und sie liebt Juwelen. Wenn ihr eine Kette gefällt, dann kann sie ruhig einige Tausend Dollar kosten. Möglich ist ihr dieser Lebensstil nur, weil sie im Haus ihrer Schwiegereltern lebt, sie keine Kinder hat und ihr Mann genug verdient, um die laufenden Kosten zu bezahlen.

Wie Jyoti pflegen viele Inder einen neuen Umgang mit Geld. Jahrzehntelang lernten Kinder der indischen Mittelschicht, Sparen sei eine wichtige Tugend. Bei den Spenderati, wie die neue Käufergruppe in Indien auch genannt wird, gehört Geldausgeben zum Lebensgefühl. Die Zahl der Kreditkarten wächst mit zweistelligen Prozentraten im Jahr und Restaurantbesuche enden regelmäßig mit Schaukämpfen darüber, wer am Ende die Rechnung übernehmen darf.

Die meisten Vertreter dieser Wirtschaftswunder-Generation haben die Zeit vor den Reformen von 1991, als westliche Marken nicht zu haben waren, kaum noch in Erinnerung. Seit fast zwei Jahrzehnten geht es für sie nur bergauf. Und so wird es weitergehen - davon sind sie zutiefst überzeugt.

Diese Zuversicht ist es, die den indischen Wirtschaftsboom am Leben hält, trotz mancher Rückschläge, wie die vor wenigen Monaten stark gestiegene Inflation. Die Abermillionen, die mit grenzenlosem Optimismus in die Zukunft blicken, sind die wichtigste Stütze des indischen Binnenmarktes.

Allerdings sind die indischen Wohlstandskinder durchaus wählerisch. Das Herz der Konsumenten gewinnen diejenigen, die "Produkte speziell für den indischen Massenmarkt" entwickeln, schreiben Berater der Boston Consulting Group. Die Fastfood-Kette McDonald’s hat in Indien deshalb den weltweit erfolgreichen Rindfleischburger Big Mac von der Speisekarte gestrichen. Stattdessen gibt es hier vegetarische Buletten vom Grill, kräftig gewürzt und viel schärfer als sonst wo auf der Welt.

Ein McDonald’s-Besuch gehört heute zum Freizeitprogramm der indischen Mittelschicht, genauso wie der Familienausflug ins Kino. Seit Jahren schon geben Inder jedes Jahr mehr Geld in Restaurants, Bars und Kinos aus.

Das Leben von Millionen Indern hat sich verbessert. Doch sie standen nie unter so großem Druck wie heute, und das spüren schon die Kinder. Indien ist eines der jüngsten Länder der Welt, rund 450 Millionen Menschen sind jünger als 21 Jahre und Millionen Jugendliche strömen jedes Jahr an die Universitäten. Der Wettbewerb ist enorm und wird immer härter.

Denn das unterfinanzierte indische Bildungssystem ist ein Nadelöhr, selbst für die Angehörigen der Mittelschicht. 90 Prozent der indischen Universitäten gelten als klar unterdurchschnittlich. Wer einen akzeptablen Studienplatz anstrebt und in die umkämpfte Klasse der Hochqualifizierten aufsteigen will, muss besser sein als Tausende Mitbewerber.

Deswegen beginnt der Tag von Ramesh Singh schon um fünf Uhr morgens mit Matheaufgaben. Seine Mutter hat für den 17-Jährigen eine Zukunft als Ingenieur vorgesehen, und das ist nicht einmal ungewöhnlich. In vielen Familien wählen die Eltern nicht nur den Ehepartner für ihre Kinder, sondern auch den Beruf. Spielen, Fernsehen oder Internet sind für Ramesh tabu, er darf kein Teenager sein. Er muss seine Jugend mit mit Büchern und Formeln verbringen.

Eine ganze Generation wächst so auf. In Millionen Mittelstandsfamilien dreht sich alles um die Bildung der Kinder. Und so mancher Teenager hält dem Druck nicht stand. Tausende leiden an Burnout-Symptomen und mehr als 6000 Schüler haben sich im Jahr 2006 wegen Klausurenstress umgebracht.

Ein guter Uni-Abschluss steigert nicht nur den Marktwert der Sprösslinge auf dem indischen Heiratsmarkt. Weil viele Eltern all ihr Geld in die Ausbildung der Kinder investieren, sind die nach dem Abschluss auch die Renten- und Krankenversicherung von Mutter, Vater und Großeltern. Je besser die Kinder in ihren Klausuren abschneiden, desto wohlhabender ist die gesamte Familie.

Bonita Vaz schickt ihren Eltern jeden Monat zwischen 100 und 300 Euro. Das ist für sie selbstverständlich. Um ihre Ausbildung zu bezahlen, hat ihr Vater jahrelang in einer Fabrik in Mumbai Stahl geschnitten und ihr so das Studium an einer der besten Universitäten für Grafiker und Designer in Asien finanziert: am National Institute of Design in Ahmedabad im westindischen Bundesstaat Gujarat. Damit gehört Bonita zur kreativen Elite Indiens. Sie lebt in Delhi, arbeitet für Magazine und Werbeagenturen und verdient im Monat etwa 1200 Euro.

Die 27-Jährige - Jeans, Flip-Flops, ein rotes T-Shirt - hat ein paar Freunde in ihre 40-Quadratmeter-Wohnung eingeladen, Grafiker, Fernsehleute, Journalisten. Sie trinken indischen Rotwein und reden über den Alltag. Die meisten sind noch keine 30 und haben bereits den dritten Arbeitgeber. Die Diskussion dreht sich vor allem um ein Thema: Was tut sich in der Arbeitswelt, aber auch: Mit welchem Job werden wir glücklich?

Die indischen Berufseinsteiger wechseln ihre Jobs so oft wie kaum eine andere Gruppe auf der Welt. IT-Unternehmen verlieren im Schnitt ein Viertel der Mitarbeiter im Jahr. Ob IT-, Medien-, Telekommunikations- oder Pharmakonzerne: Die jungen Experten sind heiß begehrt, denn die Firmen leiden unter Fachkräftemangel. 500 000 IT-Experten fehlen der indischen Industrie im nächsten Jahr, schätzen Industrievertreter. Headhunter wählen blind Nummern in Unternehmen, oder sie versuchen, den Nachwuchs gleich vor den Werkstoren der Konkurrenz einzufangen und mit einem Bus zum Vorstellungsgespräch bei ihrem Auftraggeber zu bringen.

Zu den gefragtesten Nachwuchskräften gehört Saurabh Adeep. Der 30-jährige Software-Ingenieur hat einen Abschluss von einem Top-College und schon einige Jahre Berufserfahrung in namhaften Unternehmen, etwa dem IT-Dienstleister Wipro. Nun leitet er seit drei Jahren ein Team von zehn Mitarbeitern bei einem amerikanischen Mobilfunkhersteller in Bangalore. Sein Ziel ist es, einen MBA zu machen und mal ein paar Jahre im Ausland zu arbeiten.

Geld ist dabei zweitrangig, sein Einkommen hat er in den vergangenen Jahren ohnehin fast verzehnfacht. Er will sich, wie wie Tausend andere, weiterentwickeln - vor allem fachlich. Gerade das wird von vielen Unternehmen in Indien unterschätzt. Sie begreifen nicht, dass den jungen Indern ein Arbeitsplatz und ein kostenloses Mittagessen nicht mehr reichen. Wie ihre Altersgenossen im Westen fragen die Mitarbeiter, welche Chancen und Perspektiven ihnen die Unternehmen bieten und ob Arbeit und Privatleben im Einklang stehen.

Ein Privatleben hat Saurabh neuerdings wieder: Vor einigen Monaten heiratete er, es war eine von den Eltern arrangierte Hochzeit. Nicht, dass er nicht selbst nach einer Frau gesucht hätte. Einige Jahre hat er Ausschau gehalten, in seinem Freundeskreis und abends in Bars und Clubs. Doch die Richtige war nie dabei. Und dann hat er so viel gearbeitet, dass er einfach "keine Zeit mehr hatte zu suchen", wie er sagt.

Das Zeit-Problem haben offenbar viele. Rund 90 Prozent der Ehen in Mittelstandsfamilien sind von den Eltern arrangiert. Sie suchen ihren Kindern einen Partner, meist in der eigenen Kaste und mindestens in der gleichen sozialen Schicht. Obwohl viele junge Menschen in Indien ein liberales Leben führen, mit Affären während des Studiums und kleinen Liebschaften in den ersten Berufsjahren, nimmt der Anteil der arrangierten Ehen nur langsam ab.

Ob arrangiert oder aus Liebe: Die Hochzeit ist der wichtigste Tag im Leben einer indischen Familie. Wie sie diesen Tag gestaltet, sagt viel darüber aus, was sich in Indien verändert hat. Kaum jemand weiß das besser als Neeta Raheja. Seit Jahrzehnten plant sie Hochzeiten für Mittelschichtsfamilien. Rund 75 000 Euro lassen die sich heute eine Hochzeit laut Raheja kosten - zehnmal so viel wie vor 20 Jahren.

Diejenigen, die ein traditionelles Fest verlangen, kommen immer seltener, sagt Raheja. Die meisten wollen einen wirren Mix aus Bollywood und Hollywood. Indische Filmstars müssen auftreten und Bauchtänzerinnen aus Dubai und all das vor einer Las-Vegas-Kulisse. Einmal ließ sich die Braut in einem verzierten Korb von einem zehn Meter hohen Kran neben dem Bräutigam abseilen, während ein Hubschrauber kistenweise frische Rosenblätter darüber auskippte. Wohl weil ein bekannter Hindi-Song von einer Braut aus dem Himmel und Rosen handelt und auch, weil das noch nie jemand gemacht hatte. Früher lud man einige Hundert Bekannte ein, heute sind 1000 normal. "Hochzeiten werden zu einem Statussymbol", sagt Raheja. Kein Wunder, dass der Markt für geplante Hochzeiten jedes Jahr um 25 Prozent wächst, auf zuletzt 25 Milliarden Dollar.

Die Vorbilder der Mittelklasse sind die Superreichen. Der Milliardär und Unter- nehmer Vijay Mallya etwa oder Mukesh Ambani, einer der reichsten Männer der Welt. Früher versteckten sie ihren Reichtum, heute zelebrieren sie ihn vor den Augen der Massen. Die neue Mittelklasse eifert ihnen nach. Sie tragen ähnliche Kleidung und kaufen die gleichen Autos - wenn sie das Geld dafür haben. Wohl auch deshalb verkaufen sich Luxusprodukte in Indien so gut.

Aus Luxus macht sich Sarath Babu nichts. Dabei könnte er sich einiges leisten. Wenn er mit seinem knallgrünen T-Shirt, Designerjeans und einer Kette aus Glasperlen in seinem silbernen Chevrolet zur Arbeit fährt, sieht der 29-Jährige aus wie ein Junge aus einer reichen Familie.

Dabei ist er in einem Slum in der ostindischen Hafenstadt Chennai aufgewachsen. Er arbeitete so lange, bis er Klassenbester war und wurde schließlich an der besten Business School im ganzen Land aufgenommen, dem Indian Institute of Management in Ahmedabad. Das Besondere an Sarath ist: Er gehört einer sogenannten rückständigen Kaste an, wie fast jeder Zweite in Indien. Inzwischen kommen etwa 13 Prozent der Mittelklasse aus solchen Kasten, und ihr Anteil wächst. Viele schaffen den Aufstieg über Bildung, denn ein Teil der Studienplätze ist für Studenten aus niedrigen Kasten reserviert. Andere schaffen ihn über ein eigenes Unternehmen. Sarath hat beides kombiniert.

Nach dem Abschluss kann Sarath aus sieben Jobangeboten multinationaler Konzerne wählen, in die USA hätte er gehen können. Doch er zieht zurück in den Slum zu seiner Mutter, in die Hütte, die so niedrig ist, dass man im Eingang nicht aufrecht stehen kann. Er gründet die Catering-Kette Foodking, die Unternehmen mit Essen beliefert. Inzwischen hat er sieben Filialen mit 250 Mitarbeitern. In den nächsten 24 Monaten will er zehn weitere Standorte eröffnen und 1 500 Mitarbeiter einstellen. Und wenn das Geschäft richtig läuft, will er seiner Mutter ein Haus bauen, direkt neben die alte Hütte im Slum, schon nächstes Jahr soll es soweit sein. "Ich will etwas zurückgeben", sagt er, "wenn man eine Geschichte hat wie ich, vergisst man nie, wo man herkommt."

Früher war das wichtigste Ziel indischer Mittelschichtsfamilien, in die USA auszuwandern. Heute suchen sie die Chancen im eigenen Land. Und weil sich die wirtschaftliche Situation in Europa und in den USA eintrübt, kommen sogar viele zurück, die Indien einst den Rücken kehrten. Alleine in Bangalore leben 35 000 Heimkehrer, die viele Jahre im Silicon Valley, in New York oder in London gearbeitet haben.

"Wir verdienen hier zwar weniger", sagt Alam Srinivas. "Aber wir können von unserem Mittelklasse-Gehalt eine Haushälterin, einen Koch, einen Fahrer und einen Nachhilfelehrer für die Kinder bezahlen."

In Indien gibt es "unendlich viele Möglichkeiten", sagt Bonita Vaz. "Wenn ich einen neuen Job suche, kann ich hier aus acht Angeboten wählen. Das geht sonst nirgends auf der Welt."