Neues Zeitalter
Der wundersame Aufstieg Indiens vom Entwicklungsland zur Wirtschaftsmacht verblüfft die Welt.Auf ihrem Weg nach oben lassen sich die 1,1 Milliarden Inder von nichts aufhalten - nicht einmal von sich selbst.
Vielleicht ist das Besondere an Indien, dass in diesem Land selbst banale Dinge eine unglaubliche Herausforderung sein können. Zugfahren in der Finanzkapitale Mumbai zum Beispiel. Noch während die
S-Bahnen in den Kopfbahnhof Churchgate rollen, springen die Ersten auf. Büromenschen in Krawatte und Hemd stürmen die Abteile, rangeln um einen Sitzplatz. Drinnen ist es dunkel, heiß und eng, es
riecht nach Schweiß. Während der Fahrt steigen immer mehr Gäste zu. Das Gedränge wird unerträglich.
Bis zu 16 Menschen quetschen sich in Spitzenzeiten auf einen Quadratmeter — Weltrekord. In ihrer Not hängen sie sich wie Bienentrauben aus den offenen Türen, riskieren ihr Leben, klettern aufs Dach
oder stellen sich auf die Kupplungen zwischen die Waggons.
Die überfüllten Vorortzüge sind die Lebensader der Megalopolis am Arabischen Meer. Jeden Tag drängeln sich 6,3 Millionen Menschen in den Bahnen - fast so viele, wie die Schweiz Einwohner hat. Die
Bewohner Mumbais strömen in die Südspitze der Halbinsel, wo die großen Unternehmen residieren. Wo es Arbeit gibt. Wo tagtäglich das indische Wirtschaftswunder stattfindet.
Der Aufstieg Indiens zur Wirtschaftsmacht ist beschwerlich und gleichsam einmalig. Es ist die nächste große Wachstumsstory der Globalisierung. Millionen Inder reisen stundenlang in überfüllten
Vorortzügen ins Büro, schieben nächtelange Schichten in Callcentern, machen Überstunden als Programmierer, und ihre Kinder sitzen bis spät in die Nacht über Schulbüchern, um die Aufnahmeprüfung an
eine der indischen Eliteuniversitäten zu schaffen. Die größte Demokratie der Welt ist im Rausch des Aufstiegs.
Und was für ein Aufstieg. In den Achtzigerjahren waren die meisten Inder arm. Rund 90 Prozent der Haushalte verfügten über weniger als 5,40 Dollar am Tag. Heute verdient bereits jede zweite Familie
mehr, und die Gehälter steigen jedes Jahr - im Schnitt um 15 Prozent. Die Zahl der Millionäre wächst so schnell wie in keinem anderen Land: Rund 120 000 Menschen waren es 2007, fast ein Viertel mehr
als im Jahr davor. Sie alle profitieren von der boomenden indischen Wirtschaft, die in den vergangenen vier Jahren im Schnitt um rund neun Prozent zulegte.
Auch politisch drängt das Land in die Top-Liga: Seit dem Nuklear-Abkommen mit den USA ist der frühere Atom-Paria offiziell anerkanntes Mitglied in der Weltliga der Nuklearmächte. Nach dem Ausflug in
die Blockfreien-Bewegung und später dem Flirt mit der Sowjetunion erweist sich Indien als verlässlicher Partner des Westens — und als Alternative zu China. Selbstbewusst wie nie betreten die
indischen Politiker die Weltbühne: Dieses Jahrhundert, sagen sie, werde ein indisches sein.
Doch die Wachstumsstory ist verworren und voller Widersprüche: Während das Land Atomkraftwerke baut und Raketen auf den Mond schießt, haben Zigmillionen Inder keine eigene Toilette. Während die
Kinder des Aufschwungs in den Metropolen ihre Freizeit in Multiplex- Kinos und und Shoppingmalls verbringen, leben Millionen Menschen in Dörfern ohne Wasseranschluss, jeder zweite Haushalt auf dem
Land hat nicht einmal Strom. Während sich Indien als größte Demokratie der Welt feiert, gewinnen militante Maoisten an Einfluss, zünden Bomben und verbreiten Angst und Schrecken. Und während
Politiker das pazifistische Erbe von Mahatma Gandhi beschwören, hetzen sich Hindus und Muslime gegeneinander auf. Eine Serie von Terroranschlägen, wie zuletzt in der Hauptstadt Neu-Delhi, erschüttert
immer wieder den Subkontinent.
Indien ist modern und vormodern zugleich. Von einer Agrarwirtschaft hat sich das Land zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt und gleichzeitig die Industrialisierung eingeleitet. Ein Aufstieg
ohne Beispiel. Die Einwohner reicher Unionsstaaten wie Haryana oder Goa arbeiten in modernen Serviceunternehmen oder Industriebetrieben und bringen im Schnitt viermal mehr Geld nach Hause als die
Menschen im ärmsten Bundesstaat Bihar (siehe Grafik Seite 16). Hier, am Fuße des Himalaya-Gebirges, wo die Menschen überwiegend von Landwirtschaft leben, richten Überschwemmungen in grausamer
Regelmäßigkeit entsetzliches Leid an. Und kriminelle Banden terrorisieren die Menschen mit Kidnapping und Erpressung. Größer können die Kontraste in einem Land nicht sein.
Von den 1,1 Milliarden Indern sind 900 Millionen Hindus und 150 Millionen Muslime, dazu kommen Christen, Sikhs, Buddhisten, Jainas, Bahai, Parsen. Sie kommunizieren in weit über 100 Sprachen und
verteilen sich über noch viel mehr Kasten, deren Mitgliedern manchmal nicht einmal erlaubt ist, miteinander zu sprechen. Zwar ist das Kastensystem seit Jahrzehnten offiziell aufgehoben. Doch in der
Realität lebt es fort. Die meisten heiraten innerhalb der Kaste und ihrer sozialen Schicht.
Dass ein Land mit derartigen Gegensätzen nicht aus den Fugen gerät, ist eine gewaltige Integrationsleistung, die in "seiner multireligiösen und multikulturellen Tradition" wurzelt, sagt der indische
Ökonomienobelpreisträger Amartya Sen. Die Interessen dieser heterogenen Vielfalt zu bündeln, in Politik umzusetzen ist ein quälender, langsamer Prozess. Doch das politische System Indiens hat
gezeigt, dass das Land im Krisenfall durchaus handlungsfähig sein kann.
Anfang der Neunzigerjahre stand Indien vor dem Ruin. Die asiatischen Tigerstaaten Südkorea, Singapur oder Taiwan stürmten mit traumhaften Wachstumsraten davon, während Indiens Politik die Wirtschaft
in den Abgrund regulierte: Investitionen von Ausländern waren stark beschränkt, der Außenhandel strengstens kontrolliert. Fast zwangsläufig schlitterte das Land in die Zahlungsunfähigkeit.
Die Krise war Anlass für eine Revolution. Eine neue Generation indischer Politiker - der heutige Premierminister Manmohan Singh war damals Finanzminister - öffnete das Land für den Außenhandel und
liberalisierte die Wirtschaft. Das war die Initialzündung für den märchenhaften Aufstieg Indiens. Der Außenhandel, 1985 gerade einmal sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes, hat inzwischen die
25-Prozent-Marke übersprungen.
Die ersten Treiber des Wachstums sind die IT-Unternehmen. Über das Internet mit den Weltfinanzzentren verbunden und gestützt auf einen unerschöpflichen Pool an Englisch sprechenden Informatikern und
Ingenieuren, haben die Konzerne wie Infosys Technologies oder Wipro das Outsourcing von IT-Services und anderen Dienstleistungen zu einem großen Geschäft gemacht. Im Jahr 2000 erwirtschafteten
indische IT-Dienstleister erst vier Milliarden Dollar, fünf Jahre später waren es bereits über 17 Milliarden Dollar. In nur einem Jahrzehnt soll sich der Umsatz laut McKinsey noch einmal mehr als
verzehnfachen.
Doch mit ihrer Rolle als Backoffice der Welt geben sich indische Unternehmen nicht mehr zufrieden. Sie arbeiten sich entlang der Wertschöpfungskette nach oben und übernehmen immer komplexere Aufgaben
ihrer Kunden. Für amerikanische Versicherungen erledigen sie die Kundenberatung, für Banken Controlling, Markt- und Aktienanalysen, für Ärzte in Boston oder London die Diagnose von
Röntgenaufnahmen.
Für viele Unternehmen aus dem Westen ist Indien inzwischen ein wichtiger Forschungsstandort. Softwarefirmen wie SAP, IBM, Cisco und Microsoft beschäftigen Zehntausende Entwickler auf dem
Subkontinent. Über neun Milliarden Dollar investierten Ausländer im vergangenen Jahr in die Forschung. Dieser Boom geht quer durch alle Branchen: IT, Pharma, Elektrotechnik und Maschinenbau.
Das verarbeitende Gewerbe - lange durch anachronistische Regelungen behindert - steuert immer mehr zum Wachstum Indiens bei. Mit zwölf Prozent im Jahr wächst die Industrie schneller als die
Gesamtwirtschaft. Feinchemie, Maschinenbau, Automobilzulieferer sind die Stützpfeiler der indischen Industrie. Von ihren Investitionen profitiert auch die deutsche Exportwirtschaft. Die Importe von
deutschen Maschinen und Anlagen legten in der ersten Jahreshälfte um 24 Prozent auf fast 1,6 Milliarden Euro zu. Der bilaterale Handel zwischen Indien und Deutschland hat die Zehn-Milliarden-Marke
längst überschritten. Mit reichlich Verspätung drängen nun auch die deutschen Automobilhersteller auf den indischen Markt (siehe Seite 48).
Mehr als 1600 deutsche Unternehmen haben in Indien bereits eine Niederlassung gegründet oder bauen Produktionsstätten. Die Kurve der ausländischen Direktinvestitionen geht steil nach oben (siehe
Seite 14).
Dieser Aufschwung ist auf die Städte beschränkt. Auf dem Land verschlechtert sich das Leben der Menschen. Zu Tausenden suchen verarmte Bauern den Freitod, weil sie das Saatgut nicht bezahlen oder
Kredite nicht tilgen können. Millionen strömen deswegen in die Städte, getrieben weniger von der Hoffnung auf Mehr als der Angst vor Weniger.
Die neuen Städter, die ohne Gepäck in die Bahnhöfe gespült werden, leben vielfach unter menschenunwürdigen Zuständen, häufig in direkter Nachbarschaft zu für sie unbegreiflichem Reichtum. Für eine
Luxus-Suite in einem schicken Hotel in Mumbai zahlt man schnell 1000 Euro. Davon könnte eine Großfamilie im Slum mühelos ein Jahr über die Runden kommen.
Dabei sind die Menschen im Slum noch gut versorgt. Sie haben ein Dach über dem Kopf, eine eigene Hütte. Anderen geht es noch schlechter. Zigtausende legen sich nachts zum Schlafen auf den warmen
Asphalt. Wer abends durch Mumbais Straßen geht, muss aufpassen, nicht über sie zu stolpern.
Die Modernisierung der indischen Landwirtschaft hat gerade erst begonnen, deswegen werden noch viel mehr Jobs auf dem Land wegfallen. Viele Millionen Menschen werden also noch kommen, die Städte
werden weiter wachsen: Der Urbanisierungsgrad in Indien liegt erst bei 30 Prozent, das internationale Mittel beträgt 50 Prozent.
Megastädte wie Mumbai haben bald mehr Einwohner als Australien, aber eine Infrastruktur, die vielfach noch aus der Kolonialzeit stammt. Die Metropolen ersticken am Verkehr, Tausende Bewohner haben
keinen Zugang zu sauberem Wasser. Und die Nachfrage nach Elektrizität liegt etwa zwölf Prozent über der erzeugten Menge. Häufig stehen die Maschinen in den Fabriken einfach still. Durch Stromausfälle
verliert Indien etwa ein Zehntel seiner Industrieproduktion, hat der Industrieverband CII ausgerechnet.
Die marode Infrastruktur ist nicht der einzige Grund für Verzögerungen. Indien ist nicht nur die größte Demokratie, sondern auch die größte Bürokratie. Frachtschiffe etwa stauen sich vor den
Seehäfen: Die Zollabfertigung im Hafen von Mumbai dauert im Schnitt drei bis fünf Tage - 18 Stunden sind weltweit Standard.
Wer einen Vertrag wegen Verspätung oder Betrug einklagen will, der wartet in Indien im Schnitt eineinhalb Jahre. Die Gerichte sind restlos überlastet: Mehr als 20 Millionen Verfahren stapeln sich auf
den Schreibtischen der Richter.
Laut einer Weltbank-Studie dauert eine Unternehmensanmeldung in Indien mehr als 70 Tage, nicht zuletzt, weil Genehmigungen von Dutzenden Stellen einzuholen sind. Dieses undurchschaubare bürokratische
Geflecht blockiert die Wirtschaft. Häufig werden Staatsangestellte erst bei Bestechung aktiv. Milliardenbeträge ver- sickern im Sumpf der Korruption, das Geld für wichtige Investitionen fehlt.
Für Schulen zum Beispiel. Absolventen von Eliteuniversitäten wie dem Indian Institute of Technology können es zwar mit den Abgängern amerikanischer Top-Hochschulen aufnehmen. Doch bei der
Schulbildung schneidet Indien deutlich schlechter ab als etwa China, Russland oder Brasilien. Mit durchschnittlich zehn Jahren erhalten indische Kinder eine deutlich kürzere Ausbildung als der
Nachwuchs in anderen asiatischen Ländern. Dorfschulen haben meist nur einen Lehrer und einen Klassenraum, manche bleiben ohne Erklärung Monate geschlossen. Jeder zweite Elfjährige kann nicht einmal
einfachste Texte verstehen.
Auch die meisten Universitäten haben großen Nachholbedarf: 90 Prozent der Institute fallen bei internationalen Vergleichen durch. Einer McKinsey-Studie zufolge sind drei Viertel aller
Ingenieurstudenten Indiens für Unternehmen ohne weitere Qualifizierung unbrauchbar, vor allem, weil sie keine praktische Erfahrung haben. Die Folge: Rund 500 000 hoch Qualifizierte fehlen alleine der
indischen IT-Industrie im nächsten Jahr. Noch größer ist der Fachkräftemangel im verarbeitenden Gewerbe. Deshalb führen viele Unternehmen gerade ein System betrieblicher Ausbildung ein.
Trotz der großen Probleme: Die Zeichen des Wandels sind unübersehbar. In Mumbai zum Beispiel.
Erst waren da nur ein paar Betonstützen. Dann erhob sich der 126 Meter hohe Pfeiler der Hängebrücke aus dem Wasser. Spätestens da war jedem klar, wie gewaltig der 260 Millionen Euro teure Bandra
Worli Sea Link sein wird. Eine Brücke, die Mumbai auf dem Meer umrahmen und der Metropole eine neue Skyline verpassen wird.
Sie verkürzt die Fahrzeit vom Flughafen bis in die südlichen Geschäftsviertel um etwa eine halbe Stunde. Auf ihr kann man dann durchschnittlich 80 Stundenkilometer fahren. Das ist verflixt schnell:
Unten, in der Stadt, kriecht der Verkehr mit nicht viel mehr als zehn Stundenkilometern dahin. Und entscheidet sich die Regierung, auch den zweiten Teil der Brücke bis zum südlichen Nariman Point zu
bauen, ist die Fahrt vom Flughafen nach Süden künftig ein Klacks.
Der Bandra Worli Sea Link ist eines der vielen Projekte, die Indien zurzeit in Angriff nimmt. In keiner Regierungserklärung fehlt die Ankündigung neuer milliardenschwerer Infrastrukturprojekte, oft
mit privater Beteiligung. So sieht der neue Fünfjahresplan der Regierung vor, bis zum Jahr 2012 rund 450 Milliarden Dollar in den Infrastrukturaufbau zu investieren.
Und das, obwohl Premierminister Singh von den Tageszeitungen als der schwächste Regierungschef in der Geschichte des Landes beschimpft wird. Kaum ein großes Reformprojekt habe er in seiner Amtszeit
auf den Weg gebracht, so der Vorwurf. Doch Singh sind die Hände gebunden. Seine Regierung musste sich im Parlament von den Kommunisten tolerieren lassen. Und die haben in den vergangenen Jahren
praktisch alle großen Modernisierungsideen platzen lassen, das reduzierte das Reformtempo.
Im nächsten Frühjahr werden die Inder ein neues Parlament wählen. Wenn es wieder zu klaren Mehrheiten kommt, rechnet der HSBC-Fondsmanager Sanjiv Duggal, der in Indiens Finanzszene Kultstatus
genießt, mit weiteren Reformen (siehe Interview Seite 66). Allein eine Liberalisierung des Banken- und Versicherungssektors könnte zu eineinhalb Prozentpunkten mehr Wachstum führen, schätzen
Experten. Und um zwei Prozentpunkte könnte das Land schneller wachsen, wenn Straßen, Stromversorgung und Flughäfen besser in Schuss wären.
Doch immerhin - einiges ist schon ohne klare Mehrheiten passiert. Beim ambitioniertesten Straßenbauprojekt des Landes, dem Goldenen Viereck, das die Metropolen Delhi, Mumbai, Chennai und Kolkata
miteinander verbinden soll, fehlen nur noch 200 Kilometer.
Das größte Infrastruktur-Vorhaben der nächsten Jahre ist der Ausbau der Stromversorgung. Indien produziert derzeit rund 135 Gigawatt im Jahr, ein Drittel von dem, was China erzeugt. Bis zum Jahr 2012
soll die Kapazität auf 240 Gigawatt erhöht werden. Rund 245 Milliarden Dollar will Neu-Delhi in neue Kraftwerke und das Stromnetz investieren.
Indien will auch zu einer neuen Drehscheibe des Luftverkehrs werden. Die Groß-Flughäfen von Neu-Delhi und Mumbai wurden bereits privatisiert, in Chennai und Kolkata gab es ebenfalls grünes Licht für
den Ausbau der Airports, und Bangalore hat seit einigen Monaten einen schicken neuen Flughafen. Bis 2010 will die Regierung knapp 9,5 Milliarden Dollar investieren, rund sieben Milliarden Dollar
sollen private Investoren beisteuern.
Und die Regierung investiert nicht nur in Beton, sondern auch in Köpfe. Seit einigen Jahren hat jedes Kind ein Grundrecht auf Schulausbildung. Dafür hat die Regierung mit Weltbank-Hilfe über 200 000
neue Schulen aufgebaut, in denen über 21 Millionen Kinder zusätzlich unterrichtet werden können.
Indiens Jugend startet in eine bessere Zukunft. Experten sind sich einig, dass der Aufschwung noch längst nicht zu Ende ist. Auch wenn indische Unternehmen augenblicklich Probleme haben, an frisches
Geld zu kommen. So mussten Kraftwerksprojekte gestoppt werden, weil es keine weiteren Kredite gab, Industrieunternehmen müssen ihre Expansionspläne einfrieren. Und ausgerechnet einer der
Wachstumstreiber schwächelt jetzt: Die Outsourcing-Unternehmen, die für westliche Firmen Dienstleistungen erbringen, haben ihre Wachstumserwartungen von 40 Prozent auf rund 20 Prozent reduziert. Der
Aktienindex Sensex hat in diesem Jahr über 50 Prozent an Wert verloren.
Die Finanzkrise trifft auch Indien - aber längst nicht so stark wie westliche Industrieländer. Deswegen haben die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds ihre Wachstumserwartungen für die nächsten
Jahre auch nur von acht bis neun auf sechs bis sieben Prozent revidiert.
Denn die indische Wachstumsstory ist nach wie vor intakt. Ihre Hauptdarsteller sind die Angehörigen der aufstrebenden Mittelschicht, Menschen, deren Leben sich in klimatisierten Büros,
Neubau-Apartments, Einkaufszentren und Nachtclubs abspielt, in den Metropolen und Großstädten, und die optimistisch in die Zukunft blicken. Sie arbeiten hart, um sich ein wenig Luxus leisten zu
können, Markenkleidung, Uhren, eine Wohnung. Rechnet man zur indischen Mittelklasse Haushalte mit einem Einkommen zwischen 4400 und 22 000 Dollar im Jahr, gehören heute schon rund 100 Millionen
Menschen dazu. Im Jahr 2025 soll die Mittelschicht laut McKinsey knapp 600 Millionen Menschen stark sein.
Das macht Indien zu einem der größten Konsumentenmärkte der Welt. In Zeiten gesättigter Märkte für westliche Unternehmen eine aufregende Alternative. Von über 30 Industrie- und Entwicklungsländern
werde Indien am schnellsten wachsen, prognostizieren Ökonomen der Deutschen Bank. Sie glauben, dass Indien in zwölf Jahren etablierte Industrieländer wie Deutschland und Japan hinter sich lassen und
zur drittgrößten Volkswirtschaft nach den USA und China aufsteigen wird.
Die Welt steht vor einer Zeitenwende, bei der sich die ökonomischen Kräfte unwiderruflich verschieben. Von Jawaharlal Nehru, Indiens erstem Premier, dem das Land so viel zu verdanken hat, ist eine
ganze Reihe beschwörende Zitate überliefert. Eines davon geht so: "Der Augenblick wird kommen, in dem wir uns vom Alten ab- und dem Neuen zuwenden werden, in dem ein Zeitalter endet und die Seele
eines lange unterdrückten Volkes seine Stimme findet."
Vielleicht ist dieser Augenblick ja nun gekommen.
