Digitale Wegmarken

Millionen Menschen verraten Online-Diensten wie Foursquare, Gowalla oder Google Buzz , wo sie sind. Die Netzwerke verbinden Realität und Internet - und schaffen neue Geschäftsmodelle.

 

Dass Robert Scoble in Paris ist, wussten nach einer Stunde mehr als 4000 Menschen. Als er sein Hotelzimmer nahe Notre-Dame bezogen hatte, öffnete er auf dem iPhone ein Programm namens Foursquare und drückte den Button "Check-in". Umgehend lokalisierte ihn die Software in der französischen Hauptstadt und schickte seinen Bekannten die Ankunftsnachricht. Zugleich verriet ihm Foursquare, was andere Nutzer, die vor ihm in der Gegend wohnten, entdeckt hatten. Etwa, dass eine der beliebtesten Bäckereien der Stadt nur ein paar Schritte entfernt ist.

 

Scoble ist einer der bekanntesten Technik-Blogger der Welt. Und wenn der Amerikaner Neuigkeiten im Netz aufstöbert, werden sie nicht selten zu Megatrends. Foursquare, schrieb Scoble kürzlich, werde einmal größer als der viel diskutierte Kurznachrichtendienst Twitter.

 

Foursquare ist ein Hybrid aus einem Freunde-Radar, einem lokalen Empfehlungsportal, einem virtuellen Spiel und einer Plattform für lokale Werbung. Das Programm kann anhand von GPS-Daten und anderen Positionsinformationen des Telefons bestimmen, wo sich der Nutzer aufhält. Auf Wunsch zeigt es eine Liste mit Orten, die sich in der Nähe befinden.

 

Virtuelle Bürgermeister Wer den Check-in-Button klickt, meldet via Netzwerk allen Bekannten, wo er ist. Lohn für eifrige Mitglieder: Wer am häufigsten an einem Ort eingecheckt hat, wird "Mayor", also Bürgermeister. Scoble ist mittlerweile Mayor von acht Orten. Unter seinen Freunden, sagt er, herrsche bereits ein Wettkampf, "wer Mayor der bekanntesten Bars im Silicon Valley wird".

 

Noch vor wenigen Jahren hätte die Idee geklungen wie der ultimative Albtraum jedes Datenschützers. Heute gehören ortsbasierte Handydienste zu den wichtigsten Internet-Trends des Jahres: Foursquare hat zwar erst rund eine halbe Million Nutzer, dafür aber mehr als 1,3 Millionen Dollar Risikokapital eingesammelt. Die Investoren rissen sich darum, ihr Geld bei dem Startup unterzubringen.

 

Vor knapp einem Jahr gestartet, wächst Foursquare jeden Monat um 70 Prozent. Die Zahl der Check-ins klettert "alle vier Wochen um 120 Prozent", sagt Dennis Crowley, der die New Yorker Firma mit seinem Studienfreund Naveen Selvadurai gegründet hat.

 

Foursquare ist der Star einer Schar neuer mobiler Netzwerke mit Ortsbezug. Wie die Plattform Gowalla oder der kalifornische Dienst Brightkite. Und seit wenigen Tagen ist auch Google mit seinem Kurznachrichtendienst Buzz am Start, der in das hauseigene E-Mail-Programm eingebaut wurde. Auch Buzz soll den Aufenthaltsort von Nutzern herumposaunen.

 

Die neuen Dienste verknüpfen das Internet mit der realen Welt. Bislang war es sozialen Netzwerken weitgehend egal, wo ihre Mitglieder waren. Die Kommunikation, das Informationsbedürfnis und der Aufenthaltsort des Nutzers blieben getrennt. Jetzt fließt all das zusammen. Bislang bildeten sich Internet-Netzwerke um Menschen, die sich kennen. Foursquare & Co. knüpfen soziale Netzwerke auch um Orte herum. Es geht nicht mehr nur um die Frage, wen man kennt, wie bei Facebook. Es geht darum, wo man sich aufhält, welche Freunde in der Nähe sind, und vor allem: was man tut.

 

Haben Werber diese Informationen beisammen, "können sie weitaus präzisere Spots und Banner abspielen", sagt Heike Scholz, Mobilfunkexpertin und Chefin des Branchendienstes Mobile Zeitgeist. "Das bietet ein großes Potenzial." Mütter etwa, die auf Spielplätzen einchecken, signalisieren bei Foursquare nicht nur anderen Müttern, dass sie da sind. Zugleich zeigen sie Werbetreibenden, dass sie gerade ein paar Minuten Leerlauf haben.

 

Schon seit der milliardenschweren Versteigerung der UMTS-Lizenzen fantasieren Internet-Vordenker von Location Based Services. Doch einen wirklichen Durchbruch erlebten sie bislang nicht. Letztlich hatten die meisten vor allem ein Problem: "Sie waren zu früh dran", sagt Foursquare-Mitgründer Crowley. Er weiß, wovon er spricht: Sein erstes Startup Dodgeball basierte auf einer ähnlichen Idee. "Heute sind die Menschen offener für solche Dienste", hat Crowley gelernt.

 

Vor allem aber waren nie so viele Menschen in der Lage, lokale Handydienste zu nutzen. Die Zahl verkaufter Multimediahandys klettert von Rekord zu Rekord: Im vierten Quartal 2009 wurden laut den Marktforschern von IDC weltweit 54,5 Millionen Smartphones ausgeliefert, knapp 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Mobilfunkexperten des schwedischen Analysehauses Berg Insight schätzen, dass die Nutzerzahl ortsbasierter Dienste schon 2014 rund 130 Millionen erreicht. Treiber der Entwicklung seien vor allem lokale Suche, Navigation - und soziale Netzwerke.

 

Der wichtigste Grund für den Erfolg von Foursquare sei "der spielerische Ansatz", sagt Mobilfunkexpertin Scholz. "Der bringt die Menschen dazu, die Dienste immer wieder zu nutzen." Mindestens ebenso wichtig aber sei, dass Foursquare-Mitglieder "die Kontrolle über ihre Daten behalten", sagt Scoble. Das Programm verortet sie nie automatisch. Das unterscheidet Foursquare auch von Angeboten wie Googles Latitude, die der Gemeinde automatisch anzeigen, wer sich wo gerade aufhält.

 

Dabei haben sich die Foursquare-Gründer über solche Dinge zunächst keine Gedanken gemacht. Die Plattform war eigentlich nur für den eigenen Freundeskreis gedacht, "um auf eine andere Art miteinander in Kontakt zu bleiben", wie Crowley sagt. "Dass Foursquare so schnell so groß wurde, hat uns sehr überrascht."

 

Anders als Twitter, das noch immer nach Möglichkeiten sucht, aus seinem Erfolg Erlös zu schlagen, haben die Gründer von Foursquare immerhin schon eine Idee, wie sie mit ihrem Spaßprojekt Geld verdienen wollen: Läden oder Restaurants können Besucher mit Freigetränken locken. Foursquare könnte dabei zu einer lokalen Anzeigenplattform werden. Wichtiger sind derzeit noch die Kooperationen: Mit dem Magazin "Lucky" aus dem Hause Condé Nast etwa bietet Foursquare einen Infodienst zur Modemesse New York Fashion Week. Ausstellungsbesucher erhalten bei Foursquare je nach Aufenthaltsort Tipps für gute Bars, angesagte Shows sowie Informationen über kabellose Internet-Zugänge oder ruhige Cafés.

 

Solche Kooperationen ermöglichen treffgenaueste digitale Werbung. Bei der Elektronikmesse CES im Januar in Las Vegas bekamen Foursquare-Nutzer Werbung des Chipherstellers Intel angezeigt, sobald sie sich in den Messehallen anmeldeten. Der Medienkonzern Warner vereinbarte eine Kooperation, um den Film "Valentine’s Day" zu bewerben. Sogar die New York Times hat bei Foursquare unterschrieben und testet derzeit die Zusammenarbeit bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver.

 

"Wir versuchen gerade viel und sehen, was funktioniert", berichtet Mitgründer Crowley. Dafür ist es höchste Zeit. Denn auch soziale Netzwerke arbeiten an Check-in-Funktionen - allen voran Facebook und Twitter. Es ist deshalb keineswegs ausgemacht, dass Foursquare so schnell wachsen werde wie Twitter.

 

Was aber laut Scoble dennoch völlig klar sei: So wie Twitter das Kommunikationsverhalten seiner Nutzer verändert habe, so werde das "Prinzip Check-in", wie er es nennt, die Art verändern, wie wir in Kontakt bleiben.

 

Und auch, welche Wahrheiten wir über uns verbreiten. Scoble lebt das vor. Kurz bevor er nach Hause kommt, in sein Haus in der Nähe von Half Moon Bay an der kalifornischen Küste, checkt er im nahegelegenen Luxushotel Ritz Carlton ein. Dort ist er inzwischen Mayor: "Es muss ja nicht jeder wissen, wo ich wohne."

 

Sebastian Matthes