Was will Print-Pessimist Bezos mit der Washington Post?

Dass der Medienwelt der eigentliche Umbruch erst noch bevorsteht, ist längst klar. Überraschend finde ich, wie schnell es auf einmal geht. Erst der Springer-Funke-Deal, dann der Bosten-Globe-Verkauf und seit gestern Abend auch noch die Übernahme der Washington Post durch Amazon-Gründer Jeff Bezos. All das deutet auf ein baldiges Ende der Zeitung hin, wie wir sie heute kennen.

Wie passt Bezos‘ Entscheidung in dieses Bild? Was hat der Mann vor, der Ende des vergangenen Jahres der Berliner Zeitung sagte, er lese schon längst keine gedruckte Zeitung mehr?

Bezos findet:

Die Printmedienbranche macht schon länger eine sehr schwierige Übergangsphase durch, die noch nicht abgeschlossen ist. Ich persönlich habe den Übergang schon abgeschlossen und lese Zeitungen nur noch digital. Aber im Moment gibt es im Bereich der Tablet-Computer positive Entwicklungen für Zeitungshäuser. (…) In absehbarer Zeit wird es in jedem Haushalt mehrere Tablets geben. Das wird ganz normal sein. Und diese Entwicklungen wird auch den Zeitungen Rückenwind geben.

Das ist ein erster Hinweis. Und so, sagte er damals, könnte die Zukunft aussehen:

Denn diese schon länger dauernde Übergangsphase von gedruckten zu digitalisierten Zeitungen ist für viele Verlagshäuser ökonomisch schwierig zu handhaben, weil sie gleichzeitig Print und Digitales anbieten müssen. Sie müssen beide Felder beackern, und das ist ein Problem. Wenn man den Print-Bereich los wird und sich nur noch aufs Digitale konzentriert, entspannt sich zwar die ökonomische Situation. Das Problem ist, dass immer noch sehr viele Leser die gedruckte Ausgabe bevorzugen. Und diese Leute will man ja nicht verlieren. Gleichzeitig sind die Tablets noch nicht so verbreitet, dass man als Verlag damit zurzeit überleben könnte. Aber Übergangsphasen sind irgendwann abgeschlossen.

Und diesen Spagat muss Bezos nun schaffen. Denn bei alledem ist er sich sicher, „dass es in zwanzig Jahren keine gedruckten Zeitungen mehr geben wird“. Höchstens als Luxusartikel.

Dass Bezos die Medien-Industrie revolutionieren kann, hat er mit seinem E-Reader Kindle gezeigt. Er hat schlichtweg das Lese-Erlebnis von Büchern verändert und der Branche einen Weg durch die Digitalisierung gezeigt.

Kann das erneut gelingen?

Ja. Amazon hat viel Erfahrung dabei, die Medienwelt der Zukunft zu gestalten. Er hat Erfahrung mit Bezahl-Inhalten, mit Abo-Modellen, der Produktion neuer Medien-Inhalte und dem Content-Vertrieb. Das wird der Washington Post helfen. Aber Bezos ist kein edelmütiger Retter. Das übersehen viele. Der Verlag wird sich ändern müssen. Die Journalisten werden sich ändern müssen. Denn Bezos wird versuchen, die Zeitung so neu zu erfinden, dass sie auch in der digitalen Welt noch eine Rolle spielt. Der Ausgang ist völlig offen.

 

Das Ganze ist also vor allem eins: Ein spannendes Experiment.

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