Zum Wochenende

Eine Woche der großen Wendepunkte geht zu Ende. Einige sehen einen solchen sogar schon in Syrien gekommen, weil Assad zugestimmt hat, seine Chemiewaffen unverzüglich vernichten zu lassen. Während die einen das als diplomatischen Sieg bejubeln, morden seine Truppen allerdings mit herkömmlichen Waffen weiter. Auf alte Waffen besinnt sich zur gleichen Zeit auch Kanzlerkandidat Das-Wir-Entscheidet Steinbrück und belastet den gemütlichsten Wahlkampf aller Zeiten mit Inhaltsfragen: Darf er das? Immerhin spricht nun alle Welt über den bekanntesten Mittelfinger Deutschlands. Zugleich verlässt ein anderer Experte fragwürdiger Gesten die Bühne. Josef Ackermann schmeißt auch als Aufsichtsrat bei Siemens hin. Übrig bleibt der längst totgesagte Gerhard Cromme. Nur einer hat noch öfter ein angeblich baldiges Karriere-Ende überlebt: Silvio Berlusconi. Der bleibt. Und wenn er geht, so findet er, dann nur, wenn das ganze Land mit ihm geht. Insofern bleibt die Sache spannend. In diesem Sinne, ein unterhaltsames Wochenende.

In eigener Sache: Mein Wechsel zur Huffington Post

Wahrscheinlich werden wir erst in zehn Jahren klarer sehen. Erst im Rückblick werden wir begreifen, wie gewaltig der Wandel der Medienwelt ist, den wir gerade erleben und wie grundlegend in diesen Tagen neu definiert wird, wie Menschen in Zukunft Medien konsumieren.

Die Meldungen der vergangenen Wochen zeugen von diesem Umbruch: Beim Springer-Funke-Deal setzt ein Verlagshaus dazu an, seine DNA umzuschreiben; wenig später übernimmt in den USA der Digitalisierungs-Apologet Jeff Bezos die Traditionszeitung Washington Post – als letzter Retter sozusagen. Und zugleich staunt das Publikum über die Erfolgsgeschichten von Seiten wie Buzzfeed, Politico und Business Insider.

Überall entstehen neue Spieler, die mit innovativer Technik, neuen Ideen und alten journalistischen Werten den Markt aufrollen. Was am Ende dieser Entwicklung steht, kann heute niemand seriös sagen. Sicher ist nur, dass die Medienwelt eine andere sein wird.

Eine Welt mit einigen bekannten Namen – und vielen Unbekannten.

Dieser Wandel fasziniert mich seit Jahren. Und deshalb freue ich mich sehr, dass ich nun Teil eines der spannendsten Projekte dieser neuen Zeit werden kann: Ich werde zum nächstmöglichen Zeitpunkt Chefredakteur der deutschen Huffington Post.

Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Ich verlasse bei der WirtschaftsWoche ein tolles Team, mit dem ich in den vergangenen Jahren viel aufbauen konnte. Zuletzt haben wir das Portal WiWo Green an den Start gebracht, das uns jeden Monat aufs Neue mit seinen wachsenden Zugriffszahlen begeistert und das schon im ersten Jahr profitabel sein wird. Ohne das enorme Engagement jedes Einzelnen und die große Freiheit, die uns WirtschaftsWoche-Chefredakteur Roland Tichy dabei eingeräumt hat, wäre das nicht möglich gewesen.

Dennoch freue ich mich auf den Schritt. Damit bekomme ich nicht nur die Chance, sehr eng mit einer beeindruckenden Frau zusammenzuarbeiten: Ich kenne nur wenige Menschen, die ihre Gesprächspartner so schnell mit ihrem Charme und ihrem Charisma für sich einnehmen können wie Arianna Huffington.

Die Huffington Post Deutschland wird zudem Teil eines weltweit wachsenden Medien-Netzwerks. Diese Möglichkeit, von den Kollegen in den USA, in Frankreich und Japan zu lernen, reizt mich sehr.

Aber nicht nur in den USA werden wir lernen. Die deutsche Huffington Post wird in enger Zusammenarbeit mit Tomorrow Focus entstehen, einem Unternehmen, das so digital tickt wie wenige andere in der deutschen Medienlandschaft. Ich freue mich auf die jahrelange Erfahrung der Kollegen beim Aufbau neuer Internet-Angebote wie etwa dem Anlegerportal Finanzen 100, das ich selbst schon ewig nutze. Und ich freue mich auf ein hochmotiviertes Team mit bestens ausgebildeten Journalisten.

Ich bin mir sicher, dass wir eine faszinierende Geschichte fortschreiben werden.

In den USA ist die Huffington Post gemessen an der Nutzerzahl längst größer als die New York Times. Und sie setzt in Sachen Nutzer-Engagement immer neue Maßstäbe: 70 Millionen Kommentare hinterließen die Leserinnen und Leser im vergangenen Jahr unter den Artikeln der Seite .

Zugleich ist die Huffington Post auch ein Ort für exzellenten Journalismus. Das ist spätestens verbrieft, seitdem die Seite 2012 für eine Artikelserie über Kriegsveteranen mit dem begehrten Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde. Die Serie siegte nicht etwa in der Kategorie Online, sondern in dem wichtigen Feld „nationale Berichterstattung“.

Spätestens damit hat das Portal in den USA seine journalistische Schlagkraft bewiesen.

Doch das ist für Arianna und ihr Team nur ein Zwischenschritt, wie sie mir versichert hat. Als nächstes will sie mit der HuffPost weltweit expandieren. In Spanien, Frankreich, Italien, Großbritannien, Kanada und Japan hat sie bereits erfolgreiche Ableger gestartet. Meist mit einem lokalen Partner und einem kleinen, ehrgeizigen Team, das in den Jahren darauf schnell wächst.

Nun also auch bei uns: Am 10. Oktober wird die Huffington Post in Deutschland losgehen.

Und wenig später – noch vor der WM – soll die brasilianische Ausgabe ins Netz gehen.

Am Ende dieser Expansion, das zeichnet sich jetzt schon ab, steht ein internationales Medien-Imperium, mit Hunderten, vielleicht über tausend fest angestellten Journalisten in aller Welt – eine Art CNN für die Medienwelt von Morgen.

Aber nicht nur die Medien-Industrie wird sich in den nächsten Jahren durch neue Anbieter wandeln.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass sich auch das Selbstverständnis von Journalisten ändern wird. Früher haben sie recherchiert, Kontakte gepflegt, Texte geschrieben und diese schließlich veröffentlicht. Dann war der Job erledigt. Leserinnen und Leser durften die Ergebnisse betrachten, so, wie sie ein kostbares Bild im Museum betrachten. Sie durften auch darüber sprechen. Und – wenn es unbedingt sein musste – dann durften sie dem Reporter ihre Meinung auch über den Leserservice zukommen lassen. Mehr Austausch gab es selten.

Journalismus war ein bisschen so, wie der Frontalunterricht in den Schulen der 50er Jahre.

Doch das reicht nicht mehr. Journalisten sind nur noch Teil eines Netzes von Menschen, die sich für ähnliche Themen interessieren – und die sich über das Internet längst austauschen. Ich kenne Reporter, die immer noch nicht die relevanten Blogs, Foren und Twitter-Feeds ihrer Themenfelder verfolgen.

Das können wir uns nicht mehr leisten. Denn über diese Kanäle können wir uns mit ausgewiesenen Experten auch jenseits der traditionellen Medienwelt vernetzen. Und je mehr wir das tun, desto mehr spannende Geschichten erfahren wir.

Der Journalist steht in der neuen Medienwelt nicht mehr wie ein Lehrer vor seiner Klasse. Er nimmt wie ein Freund unter Gleichgesinnten Platz und kommuniziert mit ihnen auf Augenhöhe.

Dieses Prinzip haben Angebote wie die Huffington Post groß gemacht. Sie sind Plattform für den Austausch unter Gleichgesinnten. Journalisten schreiben, aber sie debattieren auch mit ihren Lesern und diese Debatten fließen wieder in neue Artikel ein. Die Leser kommentieren, aber sie können auch als thematische Experten selbst Beiträge veröffentlichen.

Warum sie das tun sollten?

Ganz einfach: Weil sie bei der Huffington Post die nötige Reichweite bekommen: Filmemacher, Buchautoren, Professoren, Ökonomen, Politikberater, Schauspieler, Psychologen, Finanzberater – sie alle können ihre Ideen auf der Plattform präsentieren, diskutieren und Gleichgesinnte finden.

Und ich hoffe, dass es viele sein werden. Es gibt heute schon zig großartige Blogs in Deutschland. Aber es sollte noch viel mehr geben. Vielleicht gelingt es uns, die Eintrittshürde ein wenig zu senken.

Deshalb: Schreiben Sie mir. Und schreiben Sie für uns.

Wir sind wie eine Talkshow mit einem großen Publikum. Der einzige Unterschied: Bei uns ist die Zahl der Gäste unbegrenzt. Und Sie können frei wählen, ob Sie im Publikum oder auf der Bühne Platz nehmen.

Sie können sich auch jeden Tag neu entscheiden.

Wir werden gelobt, da bin ich mir sicher, und wir werden kritisiert. So ist das, wenn etwas Neues entsteht. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass es am Ende ein Gewinn für alle sein wird.

Ich freue mich drauf.

Zum Wochenende

Es war leider doch nur eine Woche der erwartbaren Nachrichten. Das KanzlerInnen-Duell brachte – gerade wegen der rhetorischen Spitzenleistungen beider Kandidaten – keinen Sieger hervor; Microsoft schluckte mit Nokia einen dicken Brocken Vergangenheit, um endlich in der Zukunft anzukommen; die Grünen (Volkspartei a.D.) sackten auf den miesesten Umfragewert seit Jahren; Samsung überholte Apple mit einer intelligenten Uhr; und schließlich kam noch heraus, dass die NSA auch bestens verschlüsselte Mails lesen kann. Aber das ist gar nicht so schlimm, wie nun viele denken mögen. Denn die eigentliche Bedrohung unserer Freiheit gehe nicht von fremden Geheimdiensten aus, sondern von „weltweit operierenden Internetkonzernen“, stellte Innenminister Friedrich klar. Gut, dass in der vertrackten Lage wenigstens einer den Blick für die tatsächlichen Zusammenhänge behält. Ein schönes Wochenende Euch allen.

Lunchtalk: Wie Verlage in Zukunft aussehen

Wie der Kölner Ex-Groschenroman-Verlag Bastei Lübbe zu einem internationalen, digitalen Verlagshaus werden will: Ein spannendes Gespräch mit Bastei-Lübbe-Vorstand Thomas Schierack über den Buchverlag der Zukunft, elektronische Umsätze und multimediale Bücher. Ganz am Ende verrät uns Schierack dann nicht nur, weshalb Dan Brown fast gefloppt wäre – er gibt auch Hinweise darauf, wer der Dan Brown der Zukunft ist.

Zum Wochenende

Was für eine Woche der schwierigen Entscheidungen. Erst zaudert sich Amerika widerwillig in Richtung seiner alten Weltpolizisten-Rolle. Dann pfeifen die Briten ihren kriegsbegeisterten Premier zurück. Auch die Spiegel-Kollegen pfeifen ihren Boss zurück, der hatte noch geglaubt, er könne eigene Personalentscheidungen treffen. Beste Voraussetzungen für einen beherzten Modernisierungskurs, den der Ex-Hoffnungsträger durchziehen soll. Derweil wäre fast untergegangen, dass der deutsche Verfassungsschutz die NSA-Debatte in einem wichtigen Punkt für beendet erklärt hat: Es gebe im Rahmen von Prism und Tempora keine Wirtschaftsspionage. Gottseidank. Denn wenn die Experten das sagen, dann muss es einfach stimmen. Sie haben die Deutschen ja immer schon heldenhaft vor der virtuellen NSA-Spionage behütet. Nun will uns übrigens auch die Bundesregierung behüten und strebt an, dass Firmen nach 18 Uhr keine wichtigen Mails mehr verschicken. Also, seid gewarnt vor diesem teuflischen Kommunikationszeug. Vielleicht wäre es sogar besser, das Internet nach 18 Uhr vollständig abzuschalten. In diesem Sinne, nachdenkliche Wochenendgrüße.

Darf ich bekanntmachen? Das Kamerapferd!

Es war wie so oft in Berlin. Zuerst ging es von Bar zu Bar. Schließlich sagte einer, er müsse noch auf eine Party von Filmleuten. Wir sollten doch einfach mitkommen.

Das taten wir – und es wurde ein großartiger Abend. Bei den Filmleuten handelte es sich um Kamerapferd, eine Gruppe extrem talentierter Filmkünstler. Sie sangen, spielten merkwürdige Figuren in Rollenspielen und zeigten sich gegenseitig misslungene Szenen ihres aktuellen Films.

Selten so einen unterhaltsamen Abend gehabt. Umso mehr freue ich mich, dass der großartige Kamerapferd-Kurzfilm „Nashorn im Galopp“ zu den begehrten First Steps Awards nominiert wurde. Es geht in dem Film um Liebe, Einsamkeit, und die Seele der Stadt. Ein wirklich wunderschöner, kreativer und überraschender Film.

Und wie das Nashorn so ist, kommentiert es die Nominierung bei Facebook folgendermaßen: „Das Nashorn rülpst recht ungeniert es ist bei First Steps nominiert die Freud ist groß, fallalla und schala la la la la!“

Hier der Trailer:

Der Hate Cycle

Gestern wurde ich wieder einmal in eine lange Diskussion über neue Technologien, E-Books und der Zeitung der Zukunft verwickelt. Dabei wurden die ewiggleichen gleichen Positionen ausgetauscht, deshalb will ich sie hier nicht wiederholen. Doch später fiel mir die Idee  des Hate-Cycle ein, die ich in einem kleinen Essay mal entwickelt habe:

Die Deutschen sehen sich gern als innovationsfreudig, ideenreich und offen für Neues. Blickt man aber genauer hin wird deutlich: Das Gegenteil ist der Fall. In Wirklichkeit haben wir ein ziemlich merkwürdiges Verhältnis zu neuen Technologien.

Neulich war ich auf dem spätsommerlichen Fest einer Unternehmensberatung. Es war noch einmal richtig mild. In Grüppchen standen die Gäste an weißen Stehtischen, ließen sich die Gläser mit wohlgekühltem Weißwein füllen. Sie plauderten über den Euro und den miesen Sommer. Schließlich kam die Sprache auf Facebook und Twitter. Unternehmen ohne echte Substanz seien das, holte ein BWL-Professor aus. Nickend verfolgten die Gäste die abenteuerliche Diagnose. Kein Widerspruch, nicht einmal Nachfragen kamen.

Keiner sagte, dass auf Basis des sozialen Netzwerks Facebook ein wichtiger Teil Web-Infrastruktur entstanden ist, auf dem wiederum neue Dienste aufsetzen, die ihrerseits Millionen verdienen. Keiner bemerkte, dass das Netzwerk für Hunderte Millionen Menschen die Kommunikation vereinfacht. Dafür steuerten die lauschenden Gäste weitere Geschichten aus dem “Datenschutz-Albtraum” Facebook bei, wie einer das Netzwerk nannte.

Die Risiken standen im Mittelpunkt, nicht die Möglichkeiten. Wieder einmal.

Die Deutschen halten sich für fürchterlich innovativ, lassen sich in aller Welt für ihre Maschinen und Anlagen feiern. Geht es aber um Technologien, die ihren Alltag verändert, werden sie – im besten Fall – zu Zauderern. Das zeigt sich fast immer dann, wenn sie über neue Technologien sprechen.

Sobald die Öffentlichkeit von ihnen erfährt, werden sie zunächst aus dem Labor in die Medien und damit auf die große Bühne gezerrt. Dort leuchten Experten, assistiert von Zukunftsforschern, ihr Potenzial aus. Anschließend dürfen sie erklären, dass die jeweilige Technik bald schon unser Leben “revolutionieren” werde.

Die überzogenen Erwartungen können neue Technologien natürlich nicht erfüllen. Jedenfalls nicht in dem Tempo, das ihnen die Medienöffentlichkeit vorgibt. Und so wendet sich das Publikum schon bald wieder enttäuscht ab und sucht nach dem nächsten Hype.

Währenddessen aber entwickeln Ingenieure in Startups und Konzernen die Technologien weiter. Sie bringen Produkte heraus und beerdigen Ansätze, die sich als unpraktikabel herausstellen. Und schließlich steigt das Interesse des Publikums wieder, weil die Ideen von einst in Kartons verpackt in Mediamarkt-Regalen stehen. Nicht nur Smartphones ist es so ergangen, auch E-Readern, Geräten mit RFID-Funkchips und Tablet-Computern. Jackie Fenn, Technologieanalystin der US-Beratungsfirma Gartner, hat diese Erregungskurve vor einigen Jahren treffend als Hype Cycle neuer Technologien beschrieben.

In Deutschland aber gibt es noch einen weiteren Zyklus, der sich oft unmittelbar an den Technik-Hype anschließt:

Den Hate-Cycle.

Sobald die erste Begeisterung über eine neue Technik abflaut und die überzogenen Erwartungen enttäuscht wurden, schlägt das anfängliche Interesse in Häme um: “Wir haben es Euch ja gleich gesagt”, schallt es dann aus allen Ecken. “Alles nur ein Hirngespinst”.

Journalisten, Politiker und andere Meinungsführer sind zufrieden, weil sie es besser wussten.

Doch das ist kein stabiler Zustand. Wenig später erlangt die Technik trotzdem Marktreife. In jener zweiten Phase verwandelt sich die abflauende Häme in Blockade, ja, in einen regelrechten Hass auf das Neue. Dann werden Bedenken und Risiken hervorgekramt und quer durch die Medien debattiert.

Der übliche Argumentationsbaukasten der medialen Meinungsführer bietet ein reichhaltiges Arsenal: Datenschutzbedenken, gesundheitliche Risiken und immer gern gesehen: psychische Probleme (Infostress).

Ganz anders verläuft diese Phase in Skandinavien, Großbritannien und den USA. Dort wird die Zeit der abkühlenden Begeisterung für einen produktiven Blick in die Zukunft genutzt.

Junge Unternehmen beginnen, mit der neuen Technologie zu experimentieren und die Öffentlichkeit debattiert über deren Chancen. Auch über die Risiken natürlich. Die aber stehen anderswo nicht so sehr im Fokus, wie in der deutschen Debatte.

Geprägt hat mich die Zeit, in der Handys Teil unseres Alltags wurden. Ich kaufte mein erstes Mobiltelefon 1996. Mehr als ein Mal habe ich erlebt, wie Passanten Handybesitzer anpöbelten. Ein Mal hat mich sogar eine Dame in der S-Bahn mit bebender Stimme angewiesen, die Verbindung zu unterbrechen: Sie würde sonst verstrahlt.

Keine zehn Jahre später liegt die Handyversorgung in Deutschland bei 100 Prozent und strahlentote Vieltelefonierer sind immer noch rar. Ebenso rar wie deutsche Unternehmen, die in dem Geschäft mit Mobiltelefonen technologisch eine Rolle spielen.

Ähnlich übrigens auch die Blockadehaltung, als die ersten Smartphones herauskamen. Wer erinnert sich noch an die abfälligen Bemerkungen über Blackbbery-Besitzer? “Mr. Wichtig”? Schonmal gehört? Heute hat jedes Billig-Handy eine E-Mail-Funktion. Und es ist nicht wichtig – sondern vor allem praktisch.

Doch – und das ist die dritte Phase des Hate-Cycle – die Technik setzt sich (zeitversetzt) auch in Deutschland durch. Auf einmal stellt sich heraus, dass die Risiken doch nicht so groß sind wie befürchtet. Stattdessen merken viele, dass die neue Technik sogar nützlich sein kann und oft neue Geschäftsfelder eröffnet.

Die aber sind dann meist von ausländischen Unternehmen besetzt.

Aber wir haben es ja so gewollt.

Und die Reihe der Beispiele ließe sich endlos fortsetzen. Während Großbritannien die Förderung der Computerspieleindustrie zu einem nationalen politischen Ziel erklärte, saßen deutsche Minister in Talkshows und erklärten, das Teufelszeug mache unsere Kinder zu Psychopathen.

Oder nehmen Sie die Debatte über Social Networks. So jammert Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner gern medienwirksam über den laxen Datenschutz sozialer Netzwerke. US-Präsident Barack Obama lässt sich lieber von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg persönlich die neue Welt des sozialen Internets erklären.

Aus lauter Protest deaktivierte Ilse Aigner sogar ihr Facebook-Profil.

Mehr haben wir nicht auf Lager.

Das neueste Beispiel des deutschen Hate-Cycle werden wir diese Woche erleben, wenn auf der Frankfurter Buchmesse über E-Books diskutiert wird.

Machen Sie spaßeshalber den Versuch: Reden Sie mit einem Buchfan über Amazons E-Reader Kindle.

Sie werden Dinge hören wie “ich brauche das haptische Gefühl beim Lesen”, oder “auf einem Display zu lesen ist unangenehm” oder auch: “In den USA mag das alles funktionieren, aber in Deutschland ist der Markt anders”. Mein Favorit ist: “Das ist wie das papierlose Büro, es wird eh nicht kommen”.

Das ist Blödsinn.

Diese Argumente kommen von Menschen, die ein solches Gerät noch nie in der Hand hatten. Sie urteilen über etwas, was sie nicht kennen.

Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass wir uns bei elektronischen Büchern gerade in Phase 2 des Hate-Cycles befinden, in dem der Wille des Bewahrens des Alten, das Festhalten an dem, was wir kennen vorherrscht. Dabei ist klar, dass E-Reader auch in Deutschland zu einem Massenprodukt werden. Sie werden das Bild in Bahn und Flugzeug beherrschen, so wie heute schon im Flieger nach London. Elektronische Bücher haben einfach zu viele Vorteile – für Leser, die Umwelt und für die Industrie. Aber das ist ein anderes Thema.

Wichtiger ist die Frage: Wann ist unserer Gesellschaft das Interesse an Neuem abhanden gekommen, die Faszination für Dinge, die die Welt verändern werden?

Vermutlich ist das der Ausdruck einer alternden Republik, in der die meisten Menschen den größten Teil des Lebens bereits hinter sich haben. Da stören Veränderungen. Sie sorgen für Unsicherheit, offene Fragen.

Das Betrübliche daran ist die Gewissheit, dass wir über auch in Zukunft unverdrossen weiter vor allem über Risiken und nicht über Chancen reden werden.

Zum Wochenende

Irgendwie war es dann ja doch die Woche der Personalien: Der neue Spiegel-Chef, Wolfgang Büchner, holte einen neuen Stellvertreter, Nikolaus Blome, von der Bild. Manche finden, das passt ja nun gar nicht – so etwa, als würde Steve Ballmer von Microsoft zu den Open-Source-Apologeten der Linux-Foundation wechseln. Wie auch immer: Es braut sich etwas zusammen, da in Hamburg. Schlechter ist die Stimmung nur noch in Ägypten, wo plötzlich Ex-Diktator Husni Mubarak wieder frei ist. Weniger frei hingegen ist die Presse in Großbritannien, wo Geheimagenten neuerdings Journalisten dazu zwingen, in dunklen Kellern ihre Macbooks zu verschrotten. Das hätte sich selbst John Le Carré nicht getraut zu erfinden. Zu unrealistisch. Immer unrealistischer wird indes der Wahlsieg der SPD. Dabei bricht dort rege Geschäftigkeit aus: Nach der Wahl sollen die Steuern steigen… äh, nein, senken… stopp: doch erhöhen, ein bisschen jedenfalls. Egal. Jedenfalls ist das nächste Griechenland-Paket endlich sicher. Und dabei hätten wir fast vergessen die wichtigste Personalfrage der Woche zu klären: Kann Ben Affleck Batman? In diesem Sinne, ein nachdenkliches Wochenende.

Schamlose Eigenwerbung: Der Wirtschaftsjournalist berichtet über WiWo Green

Nicht nur die Zugriffszahlen auf WiWo Green steigen gerade kräftig. Auch andere Medien interessieren sich zunehmend für uns. Vor einigen Wochen hat mich ein Mitarbeiter des geschätzten Branchenmagazins „Wirtschaftsjournalist“ interviewt. Herausgekommen ist ein mehrseitiges Porträt von WiWo Green, das unsere Entstehungsgeschichte beschreibt. Die Kollegen nennen uns:

Das grüne Startup im Verlag

Weshalb wie das Projekt gestartet haben, welche Ziele wir haben und warum wir das Konzept des unternehmerischen Journalismus für eine gute Idee halten, lesen Sie in dem Text: Bitte hier entlang.

Zum Wochenende

Was für eine Woche. Ägypten brennt und damit nimmt der arabische Frühling ein jähes, dramatisches Ende. Kein Ende hingegen nimmt das Theater um das berühmteste Stellwerk Deutschlands und die Bahn. Gottseidank wurde hier wenigstens ein Schuldiger ausgemacht: Wer sonst hätte das so grandios verbocken können als Deutschlands Lieblings-Boss Hartmut Mehdorn. Dem Mann kann man einfach alles anhängen. Außer vielleicht die kritische Situation des Unternehmens Blackberry, das sich aus purer Not jetzt selbst verkaufen will –  wegen anhaltenden Bedeutungsverlusts ist bei den Kanadiern längst Feuer unterm Dach; vielleicht bald auch bei Apple, wo der neue Investor Carl Icahn für Unruhe sorgt. Denn richtig gute Ideen hatte der einstige Kultkonzern lange nicht mehr. Und während wir uns kurz nach Steve Jobs zurücksehnen fällt noch auf, dass es in der jüngeren Vergangenheit noch nie einen so langweiligen Wahlkampf gegeben hat wie dieses Mal. Es ist tatsächlich noch öder als beim letzten Mal. Einfallsloser ist nur noch die Abwehr der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Aber das ist ein anderes Thema. In diesem Sinne, ein munteres Wochenende!