Der Hate Cycle

Gestern wurde ich wieder einmal in eine lange Diskussion über neue Technologien, E-Books und der Zeitung der Zukunft verwickelt. Dabei wurden die ewiggleichen gleichen Positionen ausgetauscht, deshalb will ich sie hier nicht wiederholen. Doch später fiel mir die Idee  des Hate-Cycle ein, die ich in einem kleinen Essay mal entwickelt habe:

Die Deutschen sehen sich gern als innovationsfreudig, ideenreich und offen für Neues. Blickt man aber genauer hin wird deutlich: Das Gegenteil ist der Fall. In Wirklichkeit haben wir ein ziemlich merkwürdiges Verhältnis zu neuen Technologien.

Neulich war ich auf dem spätsommerlichen Fest einer Unternehmensberatung. Es war noch einmal richtig mild. In Grüppchen standen die Gäste an weißen Stehtischen, ließen sich die Gläser mit wohlgekühltem Weißwein füllen. Sie plauderten über den Euro und den miesen Sommer. Schließlich kam die Sprache auf Facebook und Twitter. Unternehmen ohne echte Substanz seien das, holte ein BWL-Professor aus. Nickend verfolgten die Gäste die abenteuerliche Diagnose. Kein Widerspruch, nicht einmal Nachfragen kamen.

Keiner sagte, dass auf Basis des sozialen Netzwerks Facebook ein wichtiger Teil Web-Infrastruktur entstanden ist, auf dem wiederum neue Dienste aufsetzen, die ihrerseits Millionen verdienen. Keiner bemerkte, dass das Netzwerk für Hunderte Millionen Menschen die Kommunikation vereinfacht. Dafür steuerten die lauschenden Gäste weitere Geschichten aus dem “Datenschutz-Albtraum” Facebook bei, wie einer das Netzwerk nannte.

Die Risiken standen im Mittelpunkt, nicht die Möglichkeiten. Wieder einmal.

Die Deutschen halten sich für fürchterlich innovativ, lassen sich in aller Welt für ihre Maschinen und Anlagen feiern. Geht es aber um Technologien, die ihren Alltag verändert, werden sie – im besten Fall – zu Zauderern. Das zeigt sich fast immer dann, wenn sie über neue Technologien sprechen.

Sobald die Öffentlichkeit von ihnen erfährt, werden sie zunächst aus dem Labor in die Medien und damit auf die große Bühne gezerrt. Dort leuchten Experten, assistiert von Zukunftsforschern, ihr Potenzial aus. Anschließend dürfen sie erklären, dass die jeweilige Technik bald schon unser Leben “revolutionieren” werde.

Die überzogenen Erwartungen können neue Technologien natürlich nicht erfüllen. Jedenfalls nicht in dem Tempo, das ihnen die Medienöffentlichkeit vorgibt. Und so wendet sich das Publikum schon bald wieder enttäuscht ab und sucht nach dem nächsten Hype.

Währenddessen aber entwickeln Ingenieure in Startups und Konzernen die Technologien weiter. Sie bringen Produkte heraus und beerdigen Ansätze, die sich als unpraktikabel herausstellen. Und schließlich steigt das Interesse des Publikums wieder, weil die Ideen von einst in Kartons verpackt in Mediamarkt-Regalen stehen. Nicht nur Smartphones ist es so ergangen, auch E-Readern, Geräten mit RFID-Funkchips und Tablet-Computern. Jackie Fenn, Technologieanalystin der US-Beratungsfirma Gartner, hat diese Erregungskurve vor einigen Jahren treffend als Hype Cycle neuer Technologien beschrieben.

In Deutschland aber gibt es noch einen weiteren Zyklus, der sich oft unmittelbar an den Technik-Hype anschließt:

Den Hate-Cycle.

Sobald die erste Begeisterung über eine neue Technik abflaut und die überzogenen Erwartungen enttäuscht wurden, schlägt das anfängliche Interesse in Häme um: “Wir haben es Euch ja gleich gesagt”, schallt es dann aus allen Ecken. “Alles nur ein Hirngespinst”.

Journalisten, Politiker und andere Meinungsführer sind zufrieden, weil sie es besser wussten.

Doch das ist kein stabiler Zustand. Wenig später erlangt die Technik trotzdem Marktreife. In jener zweiten Phase verwandelt sich die abflauende Häme in Blockade, ja, in einen regelrechten Hass auf das Neue. Dann werden Bedenken und Risiken hervorgekramt und quer durch die Medien debattiert.

Der übliche Argumentationsbaukasten der medialen Meinungsführer bietet ein reichhaltiges Arsenal: Datenschutzbedenken, gesundheitliche Risiken und immer gern gesehen: psychische Probleme (Infostress).

Ganz anders verläuft diese Phase in Skandinavien, Großbritannien und den USA. Dort wird die Zeit der abkühlenden Begeisterung für einen produktiven Blick in die Zukunft genutzt.

Junge Unternehmen beginnen, mit der neuen Technologie zu experimentieren und die Öffentlichkeit debattiert über deren Chancen. Auch über die Risiken natürlich. Die aber stehen anderswo nicht so sehr im Fokus, wie in der deutschen Debatte.

Geprägt hat mich die Zeit, in der Handys Teil unseres Alltags wurden. Ich kaufte mein erstes Mobiltelefon 1996. Mehr als ein Mal habe ich erlebt, wie Passanten Handybesitzer anpöbelten. Ein Mal hat mich sogar eine Dame in der S-Bahn mit bebender Stimme angewiesen, die Verbindung zu unterbrechen: Sie würde sonst verstrahlt.

Keine zehn Jahre später liegt die Handyversorgung in Deutschland bei 100 Prozent und strahlentote Vieltelefonierer sind immer noch rar. Ebenso rar wie deutsche Unternehmen, die in dem Geschäft mit Mobiltelefonen technologisch eine Rolle spielen.

Ähnlich übrigens auch die Blockadehaltung, als die ersten Smartphones herauskamen. Wer erinnert sich noch an die abfälligen Bemerkungen über Blackbbery-Besitzer? “Mr. Wichtig”? Schonmal gehört? Heute hat jedes Billig-Handy eine E-Mail-Funktion. Und es ist nicht wichtig – sondern vor allem praktisch.

Doch – und das ist die dritte Phase des Hate-Cycle – die Technik setzt sich (zeitversetzt) auch in Deutschland durch. Auf einmal stellt sich heraus, dass die Risiken doch nicht so groß sind wie befürchtet. Stattdessen merken viele, dass die neue Technik sogar nützlich sein kann und oft neue Geschäftsfelder eröffnet.

Die aber sind dann meist von ausländischen Unternehmen besetzt.

Aber wir haben es ja so gewollt.

Und die Reihe der Beispiele ließe sich endlos fortsetzen. Während Großbritannien die Förderung der Computerspieleindustrie zu einem nationalen politischen Ziel erklärte, saßen deutsche Minister in Talkshows und erklärten, das Teufelszeug mache unsere Kinder zu Psychopathen.

Oder nehmen Sie die Debatte über Social Networks. So jammert Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner gern medienwirksam über den laxen Datenschutz sozialer Netzwerke. US-Präsident Barack Obama lässt sich lieber von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg persönlich die neue Welt des sozialen Internets erklären.

Aus lauter Protest deaktivierte Ilse Aigner sogar ihr Facebook-Profil.

Mehr haben wir nicht auf Lager.

Das neueste Beispiel des deutschen Hate-Cycle werden wir diese Woche erleben, wenn auf der Frankfurter Buchmesse über E-Books diskutiert wird.

Machen Sie spaßeshalber den Versuch: Reden Sie mit einem Buchfan über Amazons E-Reader Kindle.

Sie werden Dinge hören wie “ich brauche das haptische Gefühl beim Lesen”, oder “auf einem Display zu lesen ist unangenehm” oder auch: “In den USA mag das alles funktionieren, aber in Deutschland ist der Markt anders”. Mein Favorit ist: “Das ist wie das papierlose Büro, es wird eh nicht kommen”.

Das ist Blödsinn.

Diese Argumente kommen von Menschen, die ein solches Gerät noch nie in der Hand hatten. Sie urteilen über etwas, was sie nicht kennen.

Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass wir uns bei elektronischen Büchern gerade in Phase 2 des Hate-Cycles befinden, in dem der Wille des Bewahrens des Alten, das Festhalten an dem, was wir kennen vorherrscht. Dabei ist klar, dass E-Reader auch in Deutschland zu einem Massenprodukt werden. Sie werden das Bild in Bahn und Flugzeug beherrschen, so wie heute schon im Flieger nach London. Elektronische Bücher haben einfach zu viele Vorteile – für Leser, die Umwelt und für die Industrie. Aber das ist ein anderes Thema.

Wichtiger ist die Frage: Wann ist unserer Gesellschaft das Interesse an Neuem abhanden gekommen, die Faszination für Dinge, die die Welt verändern werden?

Vermutlich ist das der Ausdruck einer alternden Republik, in der die meisten Menschen den größten Teil des Lebens bereits hinter sich haben. Da stören Veränderungen. Sie sorgen für Unsicherheit, offene Fragen.

Das Betrübliche daran ist die Gewissheit, dass wir über auch in Zukunft unverdrossen weiter vor allem über Risiken und nicht über Chancen reden werden.

1 Comment Der Hate Cycle

  1. Bernd Rubel

    Man muss gerechterweise anmerken, dass sich „beide Seiten“ im Hate-Level in nichts nachstehen. Wenn man z.B. Ingenieure oder Programmierer auf ethische oder soziale Probleme hinweist, über die man wenigstens einmal frühzeitig gemeinsam nachdenken könnte, wird man als Spinner, Sozialromantiker, Träumerle, Naivling, Reaktionär oder lebensuntauglich beschimpft.

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